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Die Angst des Feuilletonisten vor dem Gezwitscher

Ich frage mich, warum die Feuilletonisten eigentlich solche Angst vor Twitter haben.

Twitter boomt gerade gewaltig - je nach Schätzung zwischen 6 und 8 Millionen Benutzer, eine Zahl, die sich in den letzten zwei Monaten verdoppelt hat. Während die Blogosphere einen weiteren Erfolg eines Web-2.0-Projektes feiert, die Einfachheit der Anwendung lobt oder von den Möglichkeiten schwärmt, zeigen sich die alten Medien einmal mehr verwirrt, verständnislos und teilweise offen feindselig.


Ein Beispiel dieser Ablehnung: die Fragen, die Spiegel Online dem Gründer von Twitter, Evan Williams, stellt:

"Befeuert Twitter Narzissmus und Dummheit?"
"Das meiste, was auf Twitter kursiert, ist belangloses Geschnatter von zweifelhaftem Erkenntniswert."
"Sie [...] haben bislang überhaupt kein funktionierendes Geschäftsmodell [...]. Das kommt vor dem Hintergrund einer kollabierenden Weltwirtschaft schon etwas dekadent daher."
Usw.usf., mehr davon hier: Macht twittern dumm, Herr Williams? (Spiegel Online)

Da gefällt sich jemand aber sehr in der Hard-Hitting-Investigating-Journalist-Pose. Immerhin hat Williams die Gelegenheit zu kontern:

"Es ist mir ein Rätsel, warum von jedem neuen Medium verlangt wird, dass es uns plötzlich in Wesen verwandelt, die nur noch Weisheiten absondern. [...] Außerdem: Wer sagt denn, dass belangloses Geschnatter wertlos ist? Es ist immerhin ein menschliches Grundbedürfnis, die eigenen Gedanken mit anderen zu teilen - und für die sind meine Gedanken gar nicht belanglos, weil ein persönliches Interesse besteht."

Das entlarvt den Feuilletonisten. Er hat den Anspruch, ein grosses Publikum zu erreichen, und rechtfertig das, indem er glaubt, dass jeder von ihm abgesonderte Satz vor Relevanz nur so strotzt. Auf Twitter erreichen einzelne ein vergleichbar grosses Publikum - da muss der Futterneid durchbrechen.

Hach, welche Ironie! Die echten Journalisten halten sich offenbar für etwas besseres - verfehlen es aber gerade in ihren Twitter-Bashings, diesem Anspruch gerecht zu werden. Warum anständig recherchieren, wenn man stattdessen ein, zwei Stunden auf search.twitter.com rumhängen kann und sich die blödesten Meldungen in seinen Moleskine notieren kann? Wenn sich die Eigenheiten und Subtilitäten bis dann noch nicht eröffnet haben, ist natürlich das Medium schuld! 

Klar, sich über ungelenke Posts von Politikern lustig zu machen, das schreibt sich locker-luftig. Über ein neues Medium nachzudenken, fällt offenbar schwer:

"Wenn ich wollte, könnte ich ununterbrochen [...] Menschen, die ich kaum kenne, inhaltsarme Minitexte senden. Ich brauche aber hin und wieder Zeit zum Nachdenken, ich lese auch ganz gerne mal einen längeren Text. Dazu muss ich mich konzentrieren, ich ka nn nicht gleichzeitig simsen.

Das ist richtig, Herr Martenstein, das könnten Sie. Wenn Sie denn wollten, könnten Sie aber durchaus auch nachdenken und gehaltvolle Diskussionen führen auf Twitter, mit Menschen die Sie kennen oder noch kennenlernen. Leider haben Sie sich dafür entschieden, nicht nachzudenken, und das statt an Twitter an Die Zeit zu senden. Dort wird es veröffentlich, weil es so cool ist, wenn sich ein Journalist "gegen den Mainstream stemmt" und über etwas schreibt, worüber alle schreiben und es irgendwie doof findet, weil es alle Kollegen irgendwie doof finden.


Diesen reflexartigen Zuckungen dürfen wir nun offenbar jedes Mal zusehen, wenn sich diese Interwebs wieder etwas neues ausdenken. Blogs, Second Life, Facebook  waren schon dran, jetzt darf Twitter den Kulturpessimismus befeuern.

P.S.
Ich erinnere gerne an die Titanic, die den Second-Life-Medien-Hype vor zwei Jahren so kommentiert hat:
Die zur Recherche verknurrten Journalisten stehen sich gegenseitig auf die Füsse und wundern sich, dass sie nicht verstehen, was da abgeht.

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Facebook wird demokratisch

Gestern hat Facebook ihr Versprechen nach dem Kerfuffle eingelöst: ein Vorschlag der neuen Nutzungsbedingungen wurde veröffentlich und zur Diskussion gestellt.

Die neuen "Principles":
Read the proposed Facebook Principles here

Die zwei Diskussion-Gruppen:
Facebook Town Hall: Proposed Facebook Principles
Facebook Town Hall: Proposed Statement of Rights & Responsibilities

Und Zucki im Facebook-Blog:
Governing the Facebook Service in an Open and Transparent Way


Besonders wichtig scheinen mir diese Punkte:

"2. Ownership and Control of Information
People should own their information. They should have the freedom to share it with anyone they want and take it with them anywhere they want, including removing it from the Facebook Service. People should have the freedom to decide with whom they will share their information, and to set privacy controls to protect those choices. Those controls, however, are not capable of limiting how those who have received information may use it, particularly outside the Facebook Service. 
[...]
6. Open Platforms and Standards
People should have programmatic interfaces for sharing and accessing the information available to them. The specifications for these interfaces should be published and made available and accessible to everyone.
[...]
9. Transparent Process 
Facebook should publicly make available information about its purpose, plans, policies, and operations. Facebook should have a town hall process of notice and comment and a system of voting to encourage input and discourse on amendments to these Principles or to the Rights and Responsibilities. 
10. One World
The Facebook Service should transcend geographic and national boundaries and be available to everyone in the world.
"

Das ist nun die versprochene klare Sprache und die klare Aussage: Die Kontrolle über die eigenen Daten liegt bei den Usern, nicht bei Facebook. Das wurde gefordert und wird von Facebook erfüllt.

Gleichzeitig verspricht man offene Standards für die hinterlegten Daten. Das ist bedeutend, weil es ermöglichen wird, die bei Facebook aufgebaute Identität auf andere Plattformen zu übertragen oder mit diesen zu verbinden. Damit wird verhindert, dass man Facebook nicht mehr verlassen kann, weil man so die virtuelle Existenz löschen würde und neu aufbauen müsste.

Am aufregendsten ist aber, dass mit diesen Principles gewissermassen die Basis-Demokratie eingeführt wird, jedenfalls was die grundlegenden Nutzungsbestimmungen betrifft. Damit wird nun in Facebook das vollzogen, was zu erwarten war: die Nutzer "importieren" ihre Erwartungen und Gewohnheiten bezüglich Recht und Mitsprache in die virtuelle Welt; ein Unternehmen, das auf das Vertrauen dieser Nutzer angewiesen ist, muss diesen Erwartungen gerecht werden.

Dass dieser Prozess unter viel Getöse ins Rollen kam, ist schade, ändert aber am Resultat nichts. Wir erleben hier den ersten ernsthaften Versuch, vom autokratischen "Wenn es euch nicht passt, könnt ihr woanders hin"-Modell wegzukommen und echte Lösungen für komplexe Datenschutz-Fragen zu finden.

Um nicht nur eitel Freude zu verbreiten: offen bleibt die Frage, wie bindend diese Vereinbarungen zwischen Facebook und den Benutzern wirklich sind. Ein nationales Gesetz z.B. könnte die Facebook-Betreiber zur Herausgabe zwingen. Das Unternehmen könnte verkauft werden, neue Besitzer andere Regeln einführen. Das sind denkbare Szenarien, die mit den neuen Principles nicht verhindert werden. Trotzdem: hier wird Pionierarbeit geleistet, und das soll man respektieren.

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Sturm im Wasserglas: Facebook, die Medien und die Demokratie

Facebook hat vor einigen Wochen ihre Terms of Service (TOS) geändert. Laut Facebook wollte man vor allem die TOS verständlicher formulieren, und nicht etwa die TOS faktisch verändern. Kommuniziert hat man diese Änderung nicht.

Das stellte sich als Fehler heraus: irgendwann realisierte jemand, dass sich die TOS geändert haben und machte das publik. Plötzlich begannen sehr viele Leute, die TOS zu lesen und in alle beliebigen Richtungen zu interpretieren. Im wesentlichen geht es darum, dass Facebook das Recht hat, Daten der Nutzer weiterzugeben. Das war vorher schon so. Trotzdem begannen einige, Panik zu schieben.


Diese Panik wurde gestern von den Massenmedien und den Datenschutzbeauftragten aufgenommen und verstärkt. Weil es im Moment opportun ist, Facebook in einer Schlagzeile zu haben und sich lauthals für den Datenschutz einzusetzen. Die Kommentare sind geprägt von Überreaktion und Unwissen.

Zuckerberg hat das Problem gestern so erklärt:

"Our philosophy is that people own their information and control who they share it with. When a person shares information on Facebook, they first need to grant Facebook a license to use that information so that we can show it to the other people they've asked us to share it with. Without this license, we couldn't help people share that information. [...] People want full ownership and control of their information so they can turn off access to it at any time. At the same time, people also want to be able to bring the information others have shared with them [...] to other services and grant those services access to those people's information. These two positions are at odds with each other." Facebook Blog, On Facebook, People Own and Control Their Information

Damit Facebook den Dienst überhaupt möglich machen kann, müssen sie das Recht haben, Daten vom Nutzer weiterzugeben (z.B. an andere Nutzer). Die Frage ist nicht, ob sie dieses Recht haben sollen - wenn sie es nicht kriegen, funktioniert der Dienst gar nicht. Sondern wie sie das erhaltene Recht nutzen, also wem sie unter welchen Bedingungen welche Daten weitergeben.

Diese differenzierte Sichtweise habe ich nirgends gelesen, die Problematik ist offenbar vielen zu komplex. Das ist enttäuschend. Mein Kommentar zu Google Latitude lässt sich copypasten: 

"Datenschutz ist ein Deal. Ich gebe gewisse Daten von mir preis und erhalte dafür etwas (andere Daten, Funktionalität). Um auf einen solchen Deal eingehen zu können, muss ich über das System Bescheid wissen, und für mich persönlich entscheiden, ob der Deal aufgeht. Unbestritten ist bei einem solchen Handel immer Vertrauen im Spiel. [...] Es ist deshalb legitim, mit Nachdruck präzise und ausführliche Information und Transparenz zu fordern. Diffuse Angst ist aber nie ein guter Ratgeber."

Heute hat Zuckerberg nun angekündigt, dass die geänderten TOS rückgängig gemacht und die alten wiederhergestellt werden. Er schreibt:

"Based on this feedback, we have decided to return to our previous terms of use while we resolve the issues that people have raised. [...] Our next version will be a substantial revision from where we are now. It will reflect the principles I described yesterday around how people share and control their information, and it will be written clearly in language everyone can understand. Since this will be the governing document that we'll all live by, Facebook users will have a lot of input in crafting these terms. You have my commitment that we'll do all of these things, but in order to do them right it will take a little bit of time." Facebook Blog, Update on Terms


Dieses Zurückrudern wird von den Panikmachern ohne Zweifel als Erfolg gewertet werden - was ihre Ahnungslosigkeit erneut beweist: Sind doch nun wieder die gleichen TOS aktiv wie früher, mit den gleichen weitreichenden Rechten von Facebook und noch dazu in unverständlicher Sprache.

Natürlich ist der Post von Zuckerberg in Watte gepackte Corporate-Speak eines Unternehmers, der auf das Vertrauen seiner Nutzer angewiesen ist. Es bestätigt aber auch eine Prognose, die ich an anderer Stelle schon gemacht habe: Nutzer erwarten, dass sie gewohnte politische/rechtliche Strukturen auch in der virtuellen Welt wiederfinden. Wie Zuckerberg schreibt: Facebook hat mit über 175 Millionen die Einwohnerzahl eines grossen Landes, und damit eine grosse Verantwortung. Ich habe den Eindruck, dass er sich dieser Verantwortung bewusst ist und sie wahrnehmen will.

Facebook hat mit ihren TOS eigentlich lediglich das getan, was ohne Ausnahme alle Betreiber eines Social Network oder einer virtuellen Welt tun. Sie bestimmen die Bedingungen selber, und sie ändern sie unilateral. Und sie formulieren sie zu Beginn immer so, dass vor allem ihre eigenen Interessen und Angriffsflächen abgesichert sind.
Wenn die Nutzer sich dann auf diesen Dienst einlassen und in ihrem Alltag einbauen, erwarten sie irgendwann Mitspracherecht; unilaterales und defensives Vorgehen wird nicht mehr akzeptiert. Das zeigt die aktuelle Diskussion, und das hat man bei Facebook sehr wohl begriffen.

In diesem Licht muss man Facebook als fortgeschritten bezeichnen. Im Gegensatz zu vielen anderen Betreibern (die aber nicht im Fokus der Medien stehen) haben die Facebook-Leute diese Problemfelder erkannt und bemühen sich, Lösungen für ein sehr komplexes Problem zu finden. Jetzt Facebook als böse und gefährlich hinzustellen, zeigt nur, wie wenig man diese Fragen wirklich verstanden hat.

Wir erhalten hier die Gelegenheit, die Datenschutz-Problematik in aller Komplexität zu diskutieren und sogar aktiv an einer Lösung mitzuarbeiten. Und zugegeben: diese Möglichkeit ist dank dem jetzt aufgebauten Druck entstanden. Trotzdem: Wer einfach auf Panik macht und die Leute mit Alarm-Schlagzeilen veräppelt, führt sie mehr hinters Licht als das Facebook jemals getan hat.

Hilfreich wäre es stattdessen, sich mal hinzusetzen, nachzudenken und die vielen Einstellungen anzuschauen, die Facebook heute schon bietet, um Datenschutz-Fragen Rechnung zu tragen.
Eine tolle Zusammenstellung mit Tipps ist hier: 10 Privacy Settings Every Facebook User Should Know
Wenn man diese Tipps befolgt, hat man sich so ziemlich gegen jede unangenehme Situation abgesichert und kann den Dienst trotzdem nutzen.

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LiLo schmollt wegen Facebook


Lindsay Lohan wurde aus Facebook ausgesperrt. Schreibt sie jedenfalls auf MySpace. Das trifft die junge Dame schwer:

"wow! i was in shock. [...] it was disabled because they believe that i was a fake of myself. genius. here i am loving facebook (as well as myspace-hehe) but going on facebook to talk to some of my friends and they are thinking that I AM THE "FAKE" OF MYSELF!!! hahahahahaha.. at first i laughed, and then i got angry. angry because, with ALL the people that PRETEND to be me on facebook, they decide to say I AM THE FAKE- of myself. all i can think is, WHO is running this site?"

Lohan scheint ausserdem zu den zahlreichen Kritikern des neuen Facebook-Layouts zu gehören:

"here they are re-designing the look on the site when they should be setting up a more secure way of allowing people to set up an account."

Und wie es sich für selbstbewusste Frauen gehört, weiss LiLo genau, was sie will:

"maybe i am just venting, but i am also writing this blog in hopes that the people at facebook will un-disable my account and allow me to sign in the EXACT same way it was, same friends, same emails, same "pets" and so on.."

Upset with Facebook (Lindsay Lohan, MySpace)

Nur wenig später zeigt Facebook bei mir plötzlich nichts mehr an, nur noch das hier:

Klar, wenn die Lohan hässig ist, würde ich auch gleich alle Server runterfahren und schauen, dass ihre Pets wieder EXAKT so sind WIE VORHER!



Update:

Dass Facebook down ist, hat vielleicht eher etwas damit zu tun:

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Facebook: dörfliche Gemeinschaft vs. urbane Anonymität

Ich bin reger Facebook-Benutzer. Viele meiner Freunde sind auf Facebook (mehr als bei jedem anderen Social Network). Umgekehrt kenne ich aber auch viele, die Facebook gar nichts abgewinnen können. Die stellen alle die gleiche Frage: "Wozu soll das gut sein?"


Bis jetzt habe ich mich immer mit einer Antwort schwer getan. An einer Party ist mir kürzlich endlich eine gute Antwort eingefallen.


Das soziale Netzwerk ist wie ein kleines Dorf. In einem kleinen Dorf wissen alle, was die anderen gerade so machen. Man sieht, wann der Nachbar heimkommt, weil das Licht angeht, und man hört es rumpeln, wenn er Holz hackt für den Winter.

Genau das gleiche wird in den Neuigkeiten bei Facebook sichtbar. Meine Freunde setzen ihren Status, kommentieren, posten Fotos. Damit weiss ich zwar noch nicht genau, was sie denken und empfinden - dafür treffe ich sie persönlich. Aber ich bekomme sozusagen aus dem Augenwinkel mit, was gerade läuft. Einen unscharfen Blick durch das Küchenfenster auf die Häuser der Nachbarn.

Ich wohne also in einem kleinen virtuellen Dorf, mit meinen Freunden. Alle Freunde wohnen in ihrem eigenen virtuellen kleinen Dorf, und all diese Dörfer überschneiden sich. Und das ist letztlich der Zweck eines Social Network: urbane Menschen wieder näher zusammen zu bringen, in eine dörfliche Gemeinschaft. Allerdings virtuell, damit wir die Vorteile der urbanen Anonymität nicht aufgeben müssen. Im Gegensatz zum echten Dorf kann ich auf Facebook nämlich selber entscheiden, was ich preisgeben will und wann ich online bin.

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Ich weiss, wo du grade bist - gömmer eis go zie!

Ein klarer Trend: "Local Aware Social Networking". Was ist damit gemeint und was bedeutet es?


 
Viele von uns benutzen schon ein soziales Netzwerk, wie z.B. Facebook. Viele von uns tragen ein Handy mit sich herum. Bald werden viele dieser Handys GPS-Funktionen eingebaut haben. 
 
Und damit bietet sich die Gelegenheit, diese beiden Technologien zu verbinden. Z.B.: Ich sitze in der Bar, alleine, langweilig. Auf meinem Gerät sehe ich nun aber, dass in der nächsten Bar ein Freund sitzt - schnell anchatten, und man trifft sich. 
 
Beispiele:
 
Wenn ich bis jetzt mit jemandem darüber gesprochen habe, war die Reaktion immer genau gleich: "Was? Dann weiss man immer wo ich bin? Ich will doch nicht überwacht werden!!"
 
Einerseits:
 
  • Ich sehe die Position nur von Freunden. Die ich angefragt habe und die Ja gesagt haben zur Verknüpfung im sozialen Netzwerk .
  • Und auch nur dann, wenn sie mir explizit erlauben, jetzt ihre Position zu sehen. Sie können den Dienst jederzeit ganz abstellen, oder mir die Berechtigung entziehen.
 
Damit hat man es selber unter Kontrolle, ob, wann und von wem man sich "überwachen" lassen will.
 
Andererseits sind unsere Positionsdaten nicht vollständig unter unserer Kontrolle. Wir benutzen dazu eine Software, und das Unternehmen hinter der Software hat die Möglichkeit, auf diese Daten zuzugreifen. Daraus ergeben sich die folgenden Szenarien:
 
  • Das Unternehmen missbraucht meine Positiondaten.
  • Die Daten werden gestohlen und von anderen missbraucht.
  • Ein Staat zwingt das Unternehmen, die Daten zu speichern und auf Wunsch herauszugeben.
 
Das sind alles keine angenehmen Szenarien. Es hilft aber nichts, jetzt einfach Angst vor einer Technologie zu haben, die sich nicht mehr aufhalten lässt (nirgends sind Menschen so einsam wie in einer Grossstadt - eine Technologie, die sie mit ihren Freunden zusammenbringt, ist viel versprechend genug, um über Risiken hinwegzusehen).
 
Dass unsere Gesellschaft und auch das Individuum immer transparenter werden, ist eine langfristige Entwicklung und nicht umkehrbar. Diskutieren muss man deshalb die Frage der Kontrolle: Wer kontrolliert meine Daten? Wie wird Missbrauch verhindert und geahndet?
Antworten darauf können nur aus dem Zusammenspiel von Gesetzgebung, freiem Markt, Druck von Konsumenten- und Datenschutz-Organisationen und persönlicher Verantwortung entstehen.
 
 
Update:
Die Frage der Kontrolle wird immer mehr zu einer Frage, die nicht nur zwischen Unternehmen und Konsumenten, sondern auch zwischen dem Staat und den Bürgern diskutiert werden muss. Grossbritannien geht mit allgegenwärtigen Kameras und zentralen Datenbanken schon länger sehr weit; Schweden hat soeben Gesetzte geschaffen, die erlauben, den Internetverkehr ins Ausland zu überwachen. Das sind keine Einzelfälle: Jede Behörde leckt sich beim Blick auf die potentiell verfügbaren Informationen die Finger. Zwei Beispiele, nur von heute:
 
 
Den staatlichen Zugriff auf die Privatsphäre schätze ich als schwerwiegender ein. Wenn mir die Privacy Policy eines Unternehmens nicht passt, kann ich den Anbieter wechseln (sofern es echte Konkurrenz gibt und ich freie Wahlmöglichkeiten habe). Wenn dem Staat Eingriffe in die Privatsphäre erlaubt werden, die mir nicht passen, bleibt nur das Auswandern. Und Staaten begründen ihre Eingriffe gern mit Argumenten, gegen die man wenig einwenden kann - Terrorismus, Kinderpornographie, und "Du hast ja nichts zu verstecken, oder?".
 

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Über Quellenkritik und die Grenzen der Privatsphäre

Version 1 der Geschichte:
In einer 8-Millionen-Franken-Villa in Spanien feiern Minderjährige eine wilde Party, inkl. Drogen, Gruppensex und Vandalismus. Die Mutter der 15-jährigen Gastgeberin wird wütend und boxt ihre Tochter; die Polizei beendet das Gelage.

Version 2 der Geschichte:
An der Party ist privates Sicherheitspersonal anwesend, es wird kein Alkohol ausgeschenkt, Sex gibts keinen, die Polizei kommt nicht vorbei, und Schäden gibt es nur an einer Türe des Hauses. Die Villa hat tatsächlich 8 Millionen gekostet, die Mutter ihre Tochter aber nicht geboxt.

Ratet mal, welche Version in den Medien aufgenommen wurde.


Als Quelle für die wilde Geschichte verliess man sich auf einen Eintrag auf der Social-Networking-Site Bebo. Von der Tochter selber. Die dabei wohl ganz leicht übertrieben hat. Trotzdem wurde diese Geschichte laut CNet von Medien wie Times Online, Sky News, Daily Mail und The Register einfach übernommen. Quellenkritik? Fakten prüfen? Kann man sich offenbar schenken, wenn man etwas auf dem Internet gefunden hat.

Die Mutter der erfinderischen Partynudel hat nun 6 Zeitungen verklagt; es geht um Rufschädigung und Verletzung der Privatsphäre. Der Independent kommentiert:

"The case is expected to have far-reaching consequences for third parties who use or publish information from social networking sites. Lawyers say it could place a duty on all second-hand users to establish the truth of everything they want to republish from such sites."

Ach nein, bevor man etwas publiziert, soll man überprüfen müssen, ob es stimmt? Skandal! Das ist ja richtig Arbeit! Von MySpace abschreiben war doch so bequem!

Spannender finde ich an dem Prozess, ob hier die Privatsphäre verletzt wird. Die Tochter hat ihre Geschichte selber veröffentlicht; allerdings im Rahmen eines sozialen Netzwerkes. Warum ist erst das Veröffentlichen derselben Geschichte in einer Zeitung ein Eindringen in die Privatsphäre? Man könnte sagen, eine Site wie Bebo wird damit gleichgesetzt mit einem Gespräch unter Bekannten. Wenn ich meinen Freunden eine Geschichte erzähle, heisst das ja auch noch nicht, dass ich damit einwillige, diese Geschichte in einer Zeitung zu veröffentlichen. Sollte die Anklage also Recht bekommen, würde ein soziales Netzwerk auf dieselbe Ebene wie Privatgespräche gehoben. Was wahrscheinlich der Wahrnehmung der Benutzer entgegenkommt. 

Mother sues over tale of 'drunken party' lifted from Bebo (Independent)
Bebo party story is fake--lawsuit is not (CNet)

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Vom totalen Fuckwad zum anständigen Mitmenschen

Die Bedeutung von sozialen Netzwerken wie Facebook kann man nicht unterschätzen. Dass heute die meisten PCs am Internet hängen, war nur der erste Schritt - damit werden Computer miteinander verbunden, also eigentlich nur die ganz grundlegende technische Voraussetzung für etwas Bedeutenderes geschaffen.

 
Soziale Netzwerke setzen nun auf dieser bestehenden Technologie auf, und bilden eine ganz neue Ebene. Sie verknüpfen nicht Maschinen, sondern Menschen.
 
Schön und gut, aber warum ist das wichtig? Ich lese gerade Edward Castronovas "Synthetic Worlds: The Business and Culture of Online Games". In der Einleitung schreibt er:
 
"Human societies rely so much on reputation for their basic functioning that online anonymity seems unlikely to persist in any significant way." (p.23)
 
Das ist eine scharfe und weitsichtige Beobachtung. Wozu Anonymität auf dem Internet führt, wissen alle, die schon einmal ein Youtube-Video veröffentlicht haben und die Comments reinrollen sahen. Die Comiczeichner von Penny Arcade haben es schon vor über 4 Jahren charmant auf den Punkt gebracht:
 
"Normal Person + Anonymity + Audience = Total Fuckwad"
 
Oder anders formuliert: sobald ich nicht mehr weiss, mit wem ich es zu tun habe - und sobald ich weiss, dass es meinem Gegenüber genau so geht -, dann brechen offenbar viele Kontrollmechanismen weg. "Im richtigen Leben" würde man sich wohl nie so verhalten, auch gegenüber Personen nicht, die man nur flüchtig kennt oder eben erst kennengelernt hat.
 
Und genau an diesem Punkt setzen soziale Netzwerke an: sie umgeben Personen mit Kontext - und dieser Kontext ermöglicht menschliche Interaktion im herkömmlichen, sozial relevanten Sinn. Wer kennt wen? Wer arbeitet wo? Wer repräsentiert welche Institution? Wer ist wie ausgebildet? Aber auch: wer gehört in welche "Szene", zu welcher Schicht, und was tun sie gerade und wie fühlen sie sich? Erst wenn all diese Zusatzinformation wahrnehmbar ist, gehe ich mit der Person so um, wie ich das auch mit einer Person tun würde, die mir in Fleisch und Blut begegnet.
 
Damit ist das Grundprinzip des Social Network ein ganz entscheidender Schritt hin zur Integration von neuen Kommunikationsformen in unsere bestehende Gesellschaft.
 
 
Update:
Case in Point (man beachte die Comments zu diesem GTA-IV-Video)

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