Tolle Thesen testen

Zu Games und IT. Wer besser denken kann: per Kommentar beweisen! Diskursiver Positivismus! Oy vey!! 
Alles über

Piraterie

 

Frank A. Meyer hat genug vom Internet

Klar! Dieses Internet hat sich hinter dem Rücken von FAM nämlich ganz hinterhältig verhalten. 

Foto: RDB/Sobli; bearbeitet

Das Internet ist an der Finanzkrise schuld: "[G]esetzliche Regeln oder gar Schranken für den Internet-getriebenen Finanzkapitalismus [gab es] nicht."

Das Internet meuchelt die Kunst: "Der Gesetzlosigkeit im World Wide Web fällt gegenwärtig gerade die Kulturindustrie zum Opfer. [... D]ie Künstler werden um ihre Einnahmen gebracht – und so um ihre ­materielle Existenz."

Und das alles noch bewusst, Blogger formulieren "die vulgäre Ideologie". Und jetzt hat Herr Meyer genug: "Dem faulen Zauber ist rasch ein Ende zu bereiten."

Herr Meyer ist muff, weil im Internet "die bürgerliche Rechtsordnung" nicht gelte. Er erzählt willfährig die Legende vom "Rechtsfreien Raum Internet" weiter und ignoriert, dass gegen Piraten auf der ganzen Welt Prozesse geführt und gewonnen werden. Und regt sich v.a. über Piratenpolitiker und Blogger auf, die der Meinung sind, dass man die bestehende Rechtsordnung evtl. anpassen müsste. Dabei wirft er alles schön in einen Topf:

"Der Raubtier-Kapitalismus greift sich neue Opfer. Internetfreaks [...], die selber offensichtlich wenig oder gar kein geistiges Eigentum zu schützen haben, verkünden unter dem romantischen Signet der Piratenflagge die Umwertung der bisher gültigen Werte.

Für Herr Meyer ist klar: Ein digitales Stück Musik, eine digitale Kopie eines Buches muss Geld kosten. Basta. Das war für Herr Meyer immer so und muss für immer so bleiben. Dass es für Musiker und Schreiber auch andere Wege gibt, viel Geld zu verdienen, klammert er aus. Dass es in der Geld-für-Geist-Frage oft nicht darum geht, die Urheber fair zu entlöhnen, sondern die riesige Verwertungsindustrie darum herum, klammert er aus. Dass der Preis der Herstellung einer digitalen Kopie eines Werkes gegen Null strebt und dass deshalb durchaus die Frage diskutiert werden darf, ob jede einzelne dieser digitalen Kopien auch noch etwas kosten darf, klammert er aus. Dass die schnelle, kostenlose Verbreitung von Information auch gute Seiten haben kann, klammert er aus. Den Umstand, dass die meisten Menschen in ihrem Alltag andauernd gegen Urheberrechtsgesetze verstossen und die Frage, ob man die nun alle kriminalisieren soll, klammert er aus.

Das sind halt furchtbar komplexe Fragen, das passt nicht alles in eine SoBli-Kolumne, die offenbar mehr dem Dampfablassen des Autors als der Meinungsbildung der Leser dient.

All diese Fragen werden nun in der "Online-Gemeinde" in ihren "Foren" seit Jahren diskutiert, oft auch intelligent und differenziert (ja, Herr Meyer, das geht im Internet!). Auf die Argumente eingehen muss Herr Meyer aber nicht. Er fasst den aktuellen Forschungsstand so zusammen:

"Die Online-Gemeinde sieht das anders: Sie beruft sich auf die Modernität ihres Spielmediums, auf ihre Jugend, auf die grosse Freiheit im Netz, auf Entgrenzung, auf virtuelle Anarchie, auf Revolution. Wer dagegen etwas einwendet, den bürstet sie ab."

Wer bürstet hier wen ab? Herr Meyer, es sind nicht die Blogger, die Revolution machen. Es ist die Informationstechnologie, die unsere Lebensumstände verändert. Wir erleben Umwälzungen in der Grössenordnung der industriellen Revolution. Es ist nichts als wahrscheinlich, dass sich auch die Rechtsordnung verändern, an neue Gegebenheiten anpassen wird.

"Der bürgerliche Rechtsstaat hat sich gegenüber Dieben und anderen Rechtsbrechern mit keinem Wort zu rechtfertigen."

Nein, muss er nicht, aber die Aufgabe der Politik ist es, über bestehende Gesetze und bestehende Lebensrealitäten nachzudenken, und evtl. Gesetze anzupassen. Das hat nichts zu tun mit Revolution, sondern ist der normale politischen Prozess. Und wenn Piraten Parteien gründen, Herr Meyer, dann nehmen sie aktiv an diesem Prozess teil, was einer Revolution nicht ferner sein könnte.

Ihre Kolumne habe ich übrigens online gelesen, gratis auf der Website blick.ch. Sie hätten es wohl lieber gesehen, wenn ich einen SoBli aus Papier gekauft hätte; ich bin aber sicher, dass Sie es auch mögen, wenn ihre Texte von möglichst vielen gelesen werden. Was ich jetzt gerne noch gewusst hätte: Worin unterscheidet sich Ihre Kolumne von den von Ihnen offenbar so verachteten Bloggern? Anständiges journalistisches Handwerk ist es wohl nicht.

Abgelegt unter  //   Blogosphere   Medien   Piraterie   Recht  

Kommentare [6]

Pirate Bay Ausverkauf

Na, das ist mal eine Bombe: ein schwedisches Unternehmen namens Global Gaming Factory X AB (GGF) kauft die Pirate Bay (TPB).

Pirate Bay to sell to private company, go legit (?) (!) (BoingBoing)
The Pirate Bay Sold To Software Company, Goes Legal (TorrentFreak)
The Pirate Bay Will Close Its Tracker and Remove Torrents (TorrentFreak)
Pirate Bay Bought Out, Suddenly Respects Copyrights (Gizmodo)

Und die offiziellen Verlautbarungen:

TPB might change owner (The Pirate Bay)
Global Gaming Factory Press Release (PDF)


Für knapp 8.5 Millionen Franken will GGF die Piraten aufkaufen. Die Hälfte davon in Aktien, die andere Hälfte in bar, der Deal soll bis im August über die Bühne, ist also noch nicht unter Dach und Fach (. Das ist sehr wenig für eine Website, die ca. 1.8 Millionen Torrents verteilt und über 20 Millionen User haben soll. Andererseits ist der Kauf natürlich stark risikobehaftet, die Berufung des verlorenen Prozesses noch hängig (die vier Piraten vor Gericht wurden in erster Instanz zu je einem Jahr Gefängnis und total zu 30 Mio SEK Schadenersatz verurteilt).

Die bis jetzt bekannten öffentlichen Statements sind ziemlich neblig. Die Pirate Bay redet davon, die Seite mit den richtigen Leuten weiterzuentwickeln (GGF hat gleichzeitig noch das P2P-Technologie-Startup Peerialism gekauft, für 100 Millionen SEK, ebenfalls hälftig in Cash und Aktien), und hofft, dass die neuen Besitzer die Seite nicht kaputtmachen. Die alte Crew wolle weiterhin politisch aktiv bleiben, es sei "win-win-win" und man solle "happy" sein.

Die neuen Besitzer (die bisher offenbar Internet-Cafés und Gaming Venues betrieben und Software hergestellt haben) klingen etwas anders. Dort will man neue Geschäftsmodelle einführen, die es möglich machen sollen, Content zu bezahlen. Was genau das für Modelle sein sollen, ist offen. Ein echtes Bezahlen für Inhalt ist undenkbar, siehe Napster. Vielleicht stellt man sich bei GGF vor, Einkünfte der auf der Seite geschalteten Werbung mit Content Providern zu teilen. Warum diese daran Interesse haben sollen, bleibt schleierhaft: schliesslich haben sie die Pirate Bay bereits vor Gericht gezogen und zumindest in erster Instanz den Prozess gewonnen.

Die Reaktionen in Blog-Comments und auf Twitter sind grossmehrheitlich die der Enttäuschung und der Wut. Man fühlt sich verraten, der Grundtenor ist "Ausverkauf!". Da hilft es wenig, dass die Pirate-Bay-Leute davon sprechen, das Geld des Verkaufs in eine Stiftung für Rede-, Informations- und Netzwerkfreiheit stecken zu wollen - die vollmundige Freiheitskämpfer-Pose verliert auf einen Schlag ihren Glanz.

Die zugänglichen Informationen im Moment sind noch recht spärlich, es ist deshalb schwierig, sich einen Reim auf die Geschichte zu machen. Ich sehe zwei mögliche Lesarten:

  • Die Piraten haben die Hosen voll und hängen ihre Piratenhüte an den Nagel.. Sie haben einen Glücksritter gefunden, der etwas Spielgeld übrig hat (total für beide Käufe mindestens 11 Mio. Franken in bar) und hofft, vom Bekanntheitsgrad der Pirate Bay zu profitieren. Indizien dafür sind die schwammige Beschreibung des neuen Businessmodells und der Umstand, dass der Bargeld-Teil des Deals genau der Schadenersatzforderung des Prozesses entspricht.

  • Die zweite Möglichkeit ist etwas abenteuerlicher. Das Hauptproblem der Pirate Bay ist der Tracker, weil das ein mehr oder weniger zentraler Dienst ist, den die Piraten selber betreiben. So werden sie angreifbar, technisch und juristisch. Evtl. wollen sie das ändern, dezentralisieren, verteilen. Peerialism könnte technologische Hilfe bieten. GGF wäre dann eher so etwas wie eine legitime Front, die Versprechen der Legalisierung nur Vernebelungstaktik und Spiel auf Zeit. Indizien für diese Theorie: In ihrem Blog-Eintrag reden die Piraten davon, "to evolve the protocols" und "everybody can be the owner". Und Torrentfreak schreibt, dass der Tracker abgeschaltet werden soll und: "[T]he site will use a new torrent hosting service that will store the torrents for them. This new hosting service will be open to other torrent sites as well and can be accessed through an API."

Auch wenn diese zweite Lesart technisch denkbar ist, sehr wahrscheinlich ist sie nicht. Einerseits, weil GGF börsenkotiert ist und damit ein hohes Risiko eingehen würde (wenn sie allerdings davon ausgehen, mit TPB wirklich Geld machen zu können, spricht das auch nicht gerade für sie). Andererseits, weil die Piraten den Kampf um die öffentliche Wahrnehmung der Transaktion schon so gut wie verloren haben: Wer sich jetzt verraten fühlt, wird sich nach einem Ersatzdienst umsehen und nicht so lange warten, bis die neue Pirate Bay fertig dezentralisiert hat. Und weil sich wohl auch die politischen Bewegungen veräppelt vorkommen, könnte die Pirate Bay den Filesharing-Aktivisten einen echten Bärendienst erwiesen haben.

Was meint ihr? Ist den Piraten einfach die Luft ausgegangen oder ist das stattdessen ein cleverer, zukunftsorientierter Schachzug?


Update:

Der schwedische Podcast What's Next hat ein Interview mit Peter Sunde gemacht. Nicht viel erhellendes (ausser den Details zu der Stiftung); der allgemeine Ton von Sunde lässt aber drauf schliessen, dass die erste Lesart wohl die richtige ist: Die Piraten sind ausgelaugt und haben genug. Wie sich GGF vorstellt, mit der Pirate Bay Geld zu verdienen, bleibt offen.

Update 2:

Interviews des GGF-CEO Hans Pandeya mit Business Week und Wired machen deutlicher, wie GGF mit der Pirate Bay verdienen will. Einerseits will man sie legalisieren, indem man Tantiemen an die Musikindustrie zahlt. Wieviel wofür? Keine Verhandlungen sind im Gang. Andererseits will man die Netzwerkkapazität all dieser Filesharer bündeln (à la SETI@home, aber nicht CPU, sondern Upload) und verkaufen, an Leute, die schnell viel Kapazität brauchen (jmd, der ein sehr beliebtes File zum Download anbieten will). Die Filesharer sollen für das zur Verfügung stellen ihrer Leitung entlöhnt werden. Auch hier keine Zahlen. Business Week nennt diesen Plan "weird" und weist darauf hin, dass unklar ist, ob die User unter ihren ISP-Nutzungsbedingungen das überhaupt dürfen (wird von Land zu Land und Provider unterschiedlich sein). Und dann will man noch 40 Millionen Euro mit Werbung auf der Seite verdienen.

Mut haben sie ja, diese Schweden. Dieser Plan geht nämlich nur auf, wenn die 20 Millionen User bleiben und weiterhin downloaden - aus einem Angebot, das garantiert kleiner wird (Lizenzverhandlungen) und ohne das ideologische "Finger to the Man"-Hochgefühl. Ich hätte da nicht investiert.

Abgelegt unter  //   Digital Distribution   FAIL   Piraterie  

Kommentare [0]

Italien vs. Piraten


Der schwedische Bittorrent-Tracker The Pirate Bay ist in Italien gesperrt worden. Damit schlägt Giancarlo Mancusi, Staatsanwalt in Bergamo, wieder zu: sämtliche italienischen Internet-Provider wurden aufgefordert, die IPs von Pirate Bay zu sperren.

Ein Tracker bietet Torrent-Files zum Download an. Diese Torrent-Files enthalten selber keinerlei Inhalt, verweisen aber auf Bittorrent-Schwärme, die auch urheberrechtlich geschützte Inhalte wie Filme, TV-Serien oder Musik enthalten können. 

Eine italienische Variante eines solchen Trackers, Colombo-BT, hat Mancusi vor zwei Wochen schliessen lassen.

Colombo-BT Shut down

Die Schweden sind wie immer sehr direkt in ihrer Reaktion und vermuten, dass die Aktion von Berlusconi persönlich befohlen wurde - der als Besitzer eines grossen Medienkonzerns natürlich ein sehr direktes Interesse daran hat, die illegale Verbreitung seiner Inhalte zu unterbinden.

Die IP-Sperraktion ist ziemlich hilflos: nachdem die Schweden ihre IPs geändert haben, und in Italien unter labaia.org ein Mirror eingerichtet wurde, können viele Italiener bereits wieder auf die Piratenbucht zugreifen. Der Effekt der Sperraktion ist also vor allem Gratiswerbung.

Pirate Bay hisst in Italien wieder die Segel (Heise)

Free advertising for The Pirate Bay: Italian ISPs block site (Ars Technica)

Abgelegt unter  //   Digital Distribution   DRM   FAIL   Piraterie  

Kommentare [1]