Viacom hat im Prozess gegen Google/YouTube gerade einen ziemlich radikalen Zwischenerfolg eingefahren. Zwar muss YouTube nicht mit dem Source Code herausrücken, dafür aber mit sämtlichen Log-Dateien. Das hat U.S. District Judge Louis L. Stanton in Manhattan angeordnet.
Nochmal: sämtliche Log-Dateien. Ich warte schnell, bis das eingesunken ist.
...
Ok? Sämtliche Log-Dateien! Das heisst: YouTube-User-ID, IP-Adresse, Zeit und YouTube-Video-ID von jedem Benutzer, der je ein YouTube-Video geschaut hat.
Nicht etwa nur die Videos, die Inhalt enthalten, der Viacom gehört (im Viacom-Konzern sind z.B. Paramount Pictures und MTV). Sondern alle Videos. Nicht nur die Video-IDs und der Zeitpunkt, wann das Video geschaut wurde, sondern auch User-ID und IP. Viacom sagt, sie wollten mit diesen Daten beweisen, wie oft auf YouTube Inhalt geschaut wird, der eigentlich Viacom gehört.
Dass sie dafür eigentlich keine User-IDs brauchen, und auch nicht die Daten von Videos, die nicht Viacom gehören, das ist dem Richter nicht aufgefallen. Überhaupt, Herr Stanton muss komplett auf Drogen gewesen sein - gibt er mit dieser Anordnung den Anwälten von Viacom doch alle Daten in die Hand, die sie brauchen, um Prozesse gegen die einzelnen User anzustreben, die Videos mit Inhalt von Viacom hochgeladen haben.
Dass ein Richter einer Schar prozessgeiler Anwälte dermassen den Steigbügel hinhält, verschlägt mir den Atem.
Die Datenschutz-Organisation Electronic Frontier Foundation findet die Anordnung erwartungsgemäss schlimm und hält sie sogar für rechtswidrig:
Der Technologie-Blogger Michael Arrington bezeichnet den Richter als "moron":
Dem schliesse ich mich an: dass ein Gericht einen Konzern zwingen kann, gesammelte Daten einem anderen Konzern auszuhändigen und damit die eigene Privacy Policy zu brechen, ist nicht nachzuvollziehen.
Arrington hofft darauf, dass Google stark bleibt und die Daten nicht herausrückt, auch auf die Gefahr einer saftigen Strafe hin nicht. Google ist in einer äusserst unangenehmen Lage: entweder bringen sie jeden Privacy-Aktivisten der Welt gegen sich auf, wenn sie die Daten rausrücken und riskieren eine Sammelklage von YouTube-Benutzern. Oder sie riskieren eine Strafe, wenn sie die Anordnung missachten und verlieren den Prozess gegen Viacom, die 1 Milliarde Dollar Schadenersatz gefordert haben. Heute schmeckt das Essen in der Google-Kantine wohl nicht so.
Update:
Die Meldung
Google: Expects Viacom Will Take YouTube Data Without User Info zeigt, dass es einen Ausweg aus der Zwickmühle geben könnte: einerseits hat
Viacom versichert,
nicht auf die einzelnen User losgehen zu wollen (trauen wir ihnen? Klar sagen sie das); und andererseits hat
Google bei den Anwälten von Viacom die Anfrage deponiert, ob sie die
Logs auch ohne IP/Usernames akzeptieren würden. Damit liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, der die Benutzer schützen würde. Dumm steht nun Richter Stanton da, der wohl Nachhilfeunterricht in Datenschutzfragen braucht.
Update 2:
Die Privacy-Aktivisten sind verhalten optimistisch. Warum es aber nun an zwei privaten Konzernen liegen soll - noch dazu Gegner in einem laufenden Prozess -, die Privatsphäre der YouTube-Benutzer zu schützen, entgegen der Anordnung eines Gerichtes, ist seltsam. Wer schützt hier eigentlich das Gemeinwohl? Ob man nun der Meinung ist, der Markt müsse Privacy selber regeln, oder ob es dazu Gesetze braucht - dass Gerichte Privacy unterwandern, das will nun wirklich niemand.
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