Ich bin kein besonders guter Jasser. In jungen Jahren an der Kantonsschule habe ich mal ziemlich vergiftet gejasst (praktisch jede Mittagspause). Seither hab ich mich aber mehr anderen Spielen zugewendet und zücke die Karten nur noch ab und zu in den Ferien (mein Lieblingsjass in letzter Zeit war am Boden im Hauptbahnhof Peking inmitten von ca. zweitausend wartenden Chinesen).
Trotzdem habe ich mich auf "Stöck Wyys Stich 10" gefreut. Stöck Wyys Stich ist der Klassiker der Jasspiele, die Version 10 (!) soeben erschienen. Die Hersteller preisen die neue 3D-Ansicht, die Tipp- und die Zurückspul-Funktion an. Ich frage mich allerdings zuerst einmal: Warum eigentlich am Computer jassen?
Das naheliegendste Argument nimmt man sich gleich selber weg: Stöck Wyys Stich 10 hat zwar eine Online-Funktion, die ist bis jetzt aber nicht aktiv, man wird auf unbestimmte Zeit vertröstet. Mit anderen über das Internet zu spielen, wenn man keine echten Spielpartner zur Hand hat - das wäre ein klarer Vorteil gewesen, der bis jetzt wegfällt.
Die Präsentation des Spiels hilft auch nicht. Die neue 3D-Ansicht sieht aus wie aus den 90ern und ist schlechter leserlich. Man wird die genau einmal einschalten und dann für immer auf die flache 2D-Ansicht zurück wechseln. Dass die Computer-Mitspieler Stimmen haben und Trumpf oder Weise in verschiedenen Dialekten ansagen, ist zwar eine schöne Idee und schweizert das Spiel ein; leider sind die Stimmen äusserst gefühllos und bar jeder Schauspielkunst aufgenommen. Am schlimmsten: Sagt jemand einen Weis an und hat niemand sonst etwas zu weisen, wiederholt der Computer noch einmal den exakt gleichen Satz; statt z.B. zu sagen "Niemert susch? Isch dänn also mine." oder etwas ähnliches. Mehr Roboter geht nicht, das ist schlicht geschludert. Man kann die Stimmen immerhin ausschalten.
Also nicht wegen Online am Compi jassen, auch nicht weil es schön ausschaut. Vielleicht zum Training? Hier bietet Stöck Wyys Stich 10 einige interessante Funktionen. Man kann in jedem Spiel zurückspulen. Wenn man also einen offensichtlichen Fehler macht, oder bei einer Karte unsicher war, kann man bis da zurückspulen und etwas anderes spielen. Und dann vergleichen, ob am Ende mehr Punkte herausschauen. Das ist genial und auch einigermassen intuitiv umgesetzt.
Ebenfalls gut gefallen hat mir die Spielstärke. In einem kleinen Zusatzfenster bekommt man nach jedem Spiel angezeigt, wie viele Punkte der Computer an meiner Stelle gemacht hätte. Der Schnitt aus der Differenz ergibt die persönliche Spielstärke. Diese Zahl nach oben zu bringen, wirkt als Langzeit-Motivation und als Belohnung für ein gutes Spiel. Man kann also auch ein Erfolgserlebnis haben, wenn man schlechte Karten erhalten hat, aber mehr daraus gemacht hat als der Computer.
(Die Spielstärke-Statistik ist allerdings recht fehlerhaft. Oft wird ein Spiel einfach nicht gewertet, und wenn das passiert, muss man manchmal das Spiel neu starten oder mindestens den Modus wechseln, um die Statistik wieder davon zu überzeugen, Spiele aufzunehmen.)
Allerdings scheinen mir meine Schieber-Ergenisse im obigen Screenshot etwas zu gut zu sein. Wie gesagt, ich bin kein erfahrener Jasser und erreiche trotzdem mehrheitlich mehr als der Computer. Das kann für mich nur bedeuten, dass die Spielstärke des Computer nicht allzu hoch ist (etwas, das man auch kaum einstellen kann). Richtig gute Jasser werden also wohl eher unterfordert sein.
Also ein Spiel für Jass-Anfänger? Leider nein. Das Spiel setzt weitestgehend voraus, dass man weiss, wie man jasst, und zwar bis in die Details. Es gibt eine sehr rudimentäre Online-Hilfe (ein Internet-Link eine HTML-Hilfe, die im Browser angezeigt wird und keine Suchfunktion hat), die mehr Fragen offen lässt als beantwortet. Kein Tutorial, keine In-Game-Hilfe; zwar Tipps, welche Karte man spielen soll, aber keine Erklärung, warum.
Den ganzen Jargon kennt man also entweder, oder muss ihn sich mühsam mit Google selber zusammenklauben. Wie gehen nochmal Coiffeur und Molotow genau, z.B. das Schieben beim Coiffeur? Was ist ein Guschti (5 Karten obenabe oder unenufe, dann noch 4 in die andere Richtung, also wie Slalom, aber am Stück statt abwechslungsweise)? Einige Antworten (wie ein Guschti geht oder wie man schiebt beim Coiffeur) findet man in der Hilfe. Was ist aber der Bergpreis (wer hat zuerst 1250 Punkte, die Hälfte des Schiebers)? Wann schreibt man einen Strich (der Bergpreis gibt z.B. einen)? Was macht man mit den geschriebenen Strichen (ein Sieg gibt 2 Striche, der Bergpreis gibt einen; wenn die Gegner nicht "aus dem Schneider" kommen (nicht über 1250), noch einen Strich mehr; pro Strich zahlt man z.B. am Schluss einen abgemachten Geldbetrag, oder das Duo mit weniger Strichen zahlt das Bier)?
Wenn ihr das alles wusstet: Gut! Wenn nicht, hättet ihr Pech gehabt, wenn ich es nicht für euch rausgesucht hätte. Anfänger können also nicht einfach mal drauflosjassen, sondern müssen dauernd rumgoogeln. Da hat man eine Chance verpasst.
Ich weiss also nicht so recht, für wen Stöck Wyys Stich 10 sein soll. Einsame können nicht online spielen. Anfänger können nicht Jassen lernen. Erfahrene können nicht hart trainieren. Dennoch muss ich gestehen: Jedesmal, wenn ich Stöck Wyys Stich 10 starte, bleibe ich auch eine Weile dabei. Das Spiel kann also durchaus fesseln und unterhalten. Das liegt aber wohl eher daran, dass Jassen halt ein gutes Spiel ist, genau die richtige Mischung aus Zufall (was es abwechslungsreich macht) und Strategie (wenn man auch mit schlechten Karten etwas gutes herausholt). Am ehesten spricht Stöck Wyys Stich 10 also die Casual-Spieler an, die schnell zwischendurch ein, zwei Runden spielen und etwas Zeit unterhaltsam totschlagen wollen. Für diese Zielgruppe finde ich allerdings 40 Franken viel zu teuer.
Update:
Auf Hinweis von Commenter Sphinx habe ich zwei Passagen zur Hilfe angepasst. Durchgestrichen ist die Originalfassung, kursiv ist neu.