Obama und das Ende der Hoffnung
Wer ab und zu in einem Fussballstadion ist, kennt das Gefühl: Aufspringen, jubeln, und dann war es doch kein Tor, Offside oder Torwart behindert oder sonst etwas Doofes. Und man steht da mit seinen Armen in der Luft, links und rechts sitzen sie, und man kommt sich erstens ziemlich dämlich und zweitens total betrogen vor.
Mark my words: So werden sich die Europäer nach 2 Jahren Obama-Präsidentschaft vorkommen.

Ja, jetzt frohlockt man noch hier. Es ist schon sehr lange her, dass ein amerikanischer Präsident (geschweige denn ein Kandidat) eine solche Begeisterung hervorrufen konnte. Nicht zu Unrecht - es ist halt, wie die Daily Show von Jon Stewart formuliert: "Wenn Obama redet, hat ein Engel einen Orgamus".
Yes we can
Auch wenn McCain im Moment eher die Nase vorn hat und es ein sehr enges Rennen werden wird: ich glaube, Obama schafft die Wahl. Nicht nur, weil er reden kann. Sondern weil er meint was er sagt, das Herz am rechten Fleck hat. Ich verweise nur auf seine Reaktion auf die Extremisten-Prediger-Affäre. Ich habe schon lange keine so intelligente, ja weise Rede mehr in einem amerikanischen Wahlkampf gesehen. Obama behandelt die Wähler wie Erwachsene, die durchaus zu komplizierten Gedankengängen fähig sind. Und nicht wie triebgesteuerte Tiere, denen man nur genug Angst machen muss, damit sie schön in der Herde bleiben.
Genährt wird mein Optimismus ausserdem durch die Wahl von Sarah Palin als McCains Vize. Auch wenn diese Nomination im Moment die Kampagne von McCain beflügelt (weil sie eine Konzession an die Rechte ist und diese mobilisiert) - langfristig wird sie sich als Fehler herausstellen.
Obama wird von zwei Wählerschichten profitieren: einerseits urbane, gemässigte Liberale, also aus der Mitte. Und andererseits wird er Junge und Politikverdrossene mobilisieren. Und beide Gruppen werden von kaum jemandem so provoziert wie von Palin. Ihre Figur wird diese Gruppen erst recht an die Urne bringen.
Ultrarechter als Palin kann man nicht sein. Die Frau ist unerfahren und extremistisch und hat zu viele Probleme im Umfeld. Die Nomination ist darum rein politisch zu werten, von Eignung für das Amt kann keine Rede sein - Palin als Präsidentin wäre eine Katastrophe. Entsprechend amüsant bzw. eigentlich infuriating ist es, wie am republikanischen Parteikongress auf dem Hochseil der Doppelmoral getanzt wurde.
Die 17-jährige Palin-Tochter ist ledig schwanger. Darüber dürfe man Palin Senior aber nicht befragen, das sei eine rein private Angelegenheit, "a personal desicision". Die gleiche Partei will aber genau diese persönliche Entscheidung den Frauen vorschreiben - Palin ist Mitglied einer Organisation, die Abtreibungen auch bei Vergewaltigung oder Inzest verbieten will. Das findet man gar nicht widersprüchlich. Klingt etwas nach Dick Cheney, der trotz lesbischer Tochter gegen die Homoehe ist.
Republikaner wie Palin hängen einem Bild des heilen Kleinstadt-Amerikas der 50er-Jahre nach, das es so wohl nie gegeben hat und das sie selber nicht definieren können, ohne in nichts sagende Gemeinplätze zu verfallen ("apple pie, common sense, no need to close the door, America is awesome"). Doch in der privaten Lebensrealität von zentralen Figuren der Partei klaffen die Risse so deutlich, dass es schwer nachvollziehbar ist, wie sie persönlich diesen Spagat durchhalten können.
Damit nicht genug: Nachdem Obama mit seinem "Change"-Thema erfolgreich war, entdecken nun die Republikaner den Wandel für sich. Auch wenn sich die Positionen McCains praktisch mit denen Bushs decken. Auch wenn (auch das hat die Nomination Palins gezeigt) die Evangelikalen nach wie vor stark sind in der Partei. Change für McCain heisst vor allem, die eigenen Positionen zu ändern, dass er seiner Partei genehm wurde.
McCain ist ein respektabler Mann und hat im Senat einiges erreicht. Wenn im Wahlkampf aber immer und immer wieder der Kriegsheld McCain gezeigt wird, dann sei daran erinnert, dass McCain die Marineschule in Annapolis als 894. von 899 abgeschlossen, in seiner Aktivzeit 5 Flugzeuge verschrottet hat und heute nur als Kriegsheld auftreten darf, weil er das Glück hatte, einen Admiral zum Vater zu haben und in Gefangenschaft zu geraten. Und dieser Mann, der selber nicht weiss, wie viele Häuser er besitzt, wirft Obama vor, elitär zu sein.

No, we can't
Change bei Obama hingegen heisst vor allem: alles wird besser, und zwar wirklich alles. Die Immobilienkrise wird gelöst, die Gesundheitsversorgung und die Schulbildung sicher gestellt, die Jungs im Irak werden heil nach Hause geholt und überhaupt wird die Welt befriedet und auch gleich noch abgekühlt. Ohne Steuererhöhungen oder eine weitere erhebliche Verschuldung kann das auch ein Moses wie Obama nicht schaffen. Letzteres kann sich ein Land mit einem Exportdefizit von 700 Milliarden und einem Minus im aktuellen Budget von 400 Milliarden schlicht nicht mehr leisten.
Und das wird den jetzt frohlockenden Europäern spätesten in zwei Jahren auffallen. Man wird sich ein bisschen verschaukelt vorkommen. Man wird enttäuscht sein.
Wenn ich Republikaner wäre, würde ich mich zurücklehnen und den jungen Schnösel mal machen lassen. In zwei Jahren sind Kongresswahlen, man könnte dem neuen Präsidenten und den Demokraten vorhalten, was sie alles nicht geschafft haben, und die Mehrheit im Kongress zurückerobern. Und dann wäre eine zweite Amtszeit für Obama kaum noch zu erreichen.
Das Problem an diesem Plan: der alte Mann McCain wird den Rummel nicht ein drittes Mal über sich ergehen lassen wollen/können. Ausser ihm haben die Republikaner aber nicht viel zu bieten. Den Lackaffen Romney? Den Grummelopa Thompson? Den Fanatiker Huckabee? Der 9/11-Leiermann Giuliani? Keiner von denen wäre in der Lage, die Probleme der letzten Grossmacht zu lösen. Kein Wunder, wenn die Russen ihre Chance sehen und schon mal heftig mit ihrem längsten Säbel rasseln: der Russian Tank Invasion™.