Warum? Im europäischen Playstation-Forum hat sich "yasser" beschwert, dass in einem Track der Hintergrundmusik einige Koran-Zitate verwendet werden. Er findet und fordert:
"We Muslims consider the mixing of music and words from our Holy Quran deeply offending. We hope you would remove that track from the game immediately via an online patch, and make sure that all future shipments of the game disk do not contain it."
Und genau dieser Forderung ist Sony nun nachgekommen: alle Discs (die bereits zu den Händlern unterwegs waren), wurden heute zurückgerufen. Neue Discs werden gepresst und verspätet ausgeliefert. Ich kann mich bei Games an keine Rückrufaktion dieser Grössenordnung erinnern. Sony konnte mir nicht sagen, was die Aktion kostet; auch nicht, ob der Track ganz entfernt wird, oder nur einzelne Anstoss erregenden Passagen.
Der Track ist ein Stück von
Toumani Diabaté, einem erfolgreichen Musiker aus Mali: Grammy vor drei Jahren, Zusammenarbeit mit Taj Mahal, Damon Albarn, Björk, Ry Cooder. Laut
Wikipedia wird er "von vielen Menschen als der beste Koraspieler der Welt bezeichnet". Ich höre die von "yasser" beschreibenen Passagen nicht genau heraus, mir ist auch nicht klar, ob die Koran-Samples für Little Big Planet hinzugefügt wurden oder ob sie schon in Diabatés Original enthalten sind.
Ich kann die Entscheidung Sonys zwar nachvollziehen. Little Big Planet ist ein globaler Release, erscheint also in einigen muslimischen Ländern. Man wollte kein Risiko eingehen - hatte Angst vor einem zweiten Dänemark.
Trotzdem finde ich den Entscheid falsch. Abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass "yasser" für alle Muslime spricht: Dieser Grad von muslimischer Empfindlichkeit darf sich nicht als Präzedenzfall etablieren.
Das ist natürlich einfach daher gesagt, wenn es nicht die eigenen Gefühle sind, die verletzt werden. Gerade in der aktuellen weltweiten Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen verschiedenen Ausprägungen braucht es aber auf allen Seiten eine dickere Haut. Wenn man schon mit Hintergrundmusik in Spielen ein Problem hat, wie soll man sich dann über politische Differenzen unterhalten?
Man vergleiche mit dem regelmässigen Kleintheater, wenn Marilyn Manson ein Gastspiel hält. Einige Ultrareligiöse protestieren gegen die anti-christliche Symbolik und fühlen sich zutiefst verletzt. Die Empfindung wird von der breiten Öffentlichkeit nicht geteilt: man reagiert auf Manson amüsiert bis gelangweilt.
Diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Gebrauch von religiösen Symbolen möchte "yasser" verhindern, und er ist bereit, dafür den Preis zu zahlen, die Freiheit von Kunstschaffenden zu beschränken.
Es ist deshalb feige, das Sony dem Druck einer religiösen Minderheit nachgibt. Man kann sich nicht auf der einen Seite über christliche Fundis lustig machen, wenn sie vor dem Hallenstadion demonstrieren, aber dann den muslimischen Fundis nachgeben, weil man Angst vor gewalttätigen Protesten hat.
Die Entwickler von Little Big Planet, Media Molecule schreiben:
"As some of you may have noticed, LBP has been slightly delayed in some territories. At MM we were as shocked and dismayed by this as anyone - shellshocked and gutted. [...] We learnt yesterday that there is a lyric in one of the licensed tracks which some people may find offensive, and which slipped through the usual screening processes. Obviously MM and Sony together took this very seriously. LBP should be enjoyable by all."
Das ist nobel, aber unmöglich. Man kann es nicht jedem Radikalen recht machen. Ich vermisse Rückgrat.
Was meint ihr?
Update:
Wie angenommen teilen nicht alle Muslime die Auffassung von "yasser". Das American Islamic Forum for Democracy sagt gegenüber EDGE Online:
"Muslims cannot benefit from freedom of expression and religion and then turn around and ask that anytime their sensibilities are offended that the freedom of others be restricted. [...] The free market allows for expression of disfavor by simply not purchasing a game that may be offensive. [...] To demand that [the game] be withdrawn is predicated on a society which gives theocrats who wish to control speech far more value than the central principle of freedom of expression upon which the very practice and freedom of religion is based. [...] The fact that the music writer is a devout Muslim should highlight that at the core of this issue is not about offending ‘all Muslims,’ but only about freedom of expression and the free market."