Liverpool auswärts gegen Hull City. Liverpool tut sich schwer gegen den kleinen Gegner, der aggressiv verteidigt und sich zu elft hinten einigelt. Nun ein schneller Vorstoss über die rechte Seite mit Dirk Kuyt - der spielt den Ball Steven Gerard in den Lauf. Gerard dringt in den Strafraum ein und passt quer in den Rücken der Verteidiger nach links zu Fernando Torres. Der nimmt direkt ab!
Der Ball fliegt an den linken Innenpfosten. Kullert der Torlinie entlang. Das Stadion hält den Atem an. Der Ball ist noch nicht im Tor, sondern prallt am rechten Pfosten ab. Kullert wieder zurück, und nach Sekundenbruchteilen, die mir wie Minuten vorkommen, rutscht er doch noch hinter die Linie.
TOOOOOR!
Ist mir gestern abend wirklich passiert, ich schwöre es! Und das ist es, was ein Fussballspiel ausmacht: Wenn die Grafik, die Knöpfe, die Menus, der ganze Kram in den Hintergrund rückt und du Fussball erlebst - das schönste Spiel der Welt.
FIFA 10 ist wunderbar. Es ist
besser als FIFA 09, das ich
schon sehr gemocht habe. Und dass uns das alle nicht wirklich überrascht, ist schon sehr
erstaunlich. Electronic Arts hat im Studio Montreal eine Menge echter Fussball-Enthusiasten versammelt, und die schaffen es nun schon eine Weile irgendwie, jedes Jahr ein Spiel rauszubringen, das sich nicht nur von der Version des letzten Jahres unterscheidet, sondern wirklich besser ist.
Die grosse Neuerung dieses Jahr: Die Spieler bewegen sich frei. Das ist unter der Haube eine riesige Änderung. Bis jetzt konnten wir den aktuell kontrollierten Spieler nämlich nur in 8 Richtungen lenken: links, rechts, oben, unten, und die Diagonalen. Dazwischen gab es keine Nuancen. Der Grund für diese scheinbar altertümliche Limite war nicht etwa das Steuern der Spieler (mit den Analog-Sticks einer Playstation oder Xbox können wir sehr genau Richtungen vorgeben), sondern weil es vereinfachte, wie das Spiel all die Figuren bewegt, die wir gerade NICHT steuern. Diese Limite aufzuheben macht alles komplexer und birgt deshalb ein hohes Risiko.
Glaubt mir, das hat sich gelohnt. Ich habe die neue Dribbel-Freiheit genossen, und die vom Computer gesteuerten Spieler tun immer noch, was sie tun sollen. Mit einem Flügelstürmer der Linie entlang zu sprinten, ohne sich den Ball ins Aus vorzulegen; im Strafraum um die Verteidiger kurven - das ist knifflig, aber eine wahre Freude.
Eine direkte Folge dieser Bewegungsfreiheit ist, dass die Zweikämpfe besser funktionieren. In einem Laufduell einen Stürmer abzudrängen ist extrem gut gelungen dieses Jahr, man spürt fast den Leibchenstoff des Gegners in der Hand
. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir Verteidigen in FIFA je Spass gemacht hat. In FIFA 10 schon - und das ist eine grosse Leistung.
Auch Pässe in die Tiefe, in den Lauf eines Flügels oder eines Mittelstürmers (und ganz generell das Passspiel) funktionieren deutlich besser als letztes Jahr. Nicht wegen der Kontrolle über den Pass, sondern weil die Mitspieler nun viel intelligenter in den Raum laufen.
Weiter haben mir viele Details gefallen:
- Man kann Freistösse schnell direkt ausführen, also den Ball kurz stoppen und gleich einen Pass spielen. Endlich wird man in der eigenen Platzhälfte nicht mehr dazu gezwungen, eine hoffnungslose Flanke ins Nirgendwo zu kicken - was eigentlich mehr Bestrafung als Belohnung war.
- Gelbe Karten gibt es auch direkt, ohne Zwischensequenz, die den Spielfluss unterbricht. Die Kamera bleibt in der Vogelperspektive, der Schiri zeigt seine Karte, und weiter geht's. So muss das sein.
- Es werden deutlich mehr Fouls gepfiffen (und wie das im Fussball immer ist: gefühlt deutlich mehr gegen als für mich!); das hätte nervig sein können, ist es aber nicht, weil es das Spiel zwar unterbricht, aber nicht zu lange; und es gibt FIFA 10 einen weiteren Schuss Realität.
- Es gibt Tutorial-Videos! Ja! Nicht mehr die blöde Papier-Anleitung auswendig lernen, sondern ein paar kurze Videos anschauen und schon weiss man, welche Knöpfe man wann drücken muss. FIFA ist nach wie vor ein recht anspruchsvolles Spiel, es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten und damit Knopf-Kombinationen, die sich ausserdem noch jeweils ändern, je nach dem ob man angreift oder verteidigt. Per Video lernt man das ohne Zweifel schneller und leichter als per Text. Ich konnte mir jedenfalls dieses Jahr erstmals von Anfang an merken, wie man den Ball flach per Innenrist am Goalie vorbeischiebt ("Finesse Shot"), statt die Kugel allein vor dem Tor drei Meter darüber zu holzen.
- Prellbälle und Zufallschancen sind häufiger und sehen echter aus. Die neue Ballphysik macht das Spiel zufälliger und damit spannender - allerdings nie so zufällig, dass man sich über das Spiel statt sich selbst ärgert, wenn man einen Ball nicht erwischt.
- Der Soundtrack ist wirklich gut! In den Menus und vor/nach dem Spiel hören wir eine richtig coole Mischung aus Multikulti-Indierock und progressivem Brasilstimmung-Fussball-Pop. Während ich dieses Review schreibe, läuft das Spiel im Hintergrund und hat bis jetzt noch keinen Song genudelt, der mich am Radio zum abschalten bringen würde.
- Der "Be-A-Pro"-Modus (in dem man in einen einzelnen Spieler schlüpft und immer aus dessen Perspektive spielt und eine ganze Karriere durchlebt, trainiert, Clubs wechselt etc.) wurde stark ausgebaut und ist eigentlich schon fast ein Spiel für sich, ein Fussball-Rollenspiel (oh ja, da zucken meine Geek-Nerven).
- Standardsituationen wie Elfmeter, Ecken und Freistösse kann man nun richtig angenehm üben. Dankeschön!
Damit ich belegen kann, dass ich meine Hausaufgaben gemacht habe - das könnte man kritisieren:
- FIFA10 verwendet die aus allen EA-Sports-Titeln bekannte Menuführung, wer also schon mal NHL oder ein FIFA der letzten Jahre gespielt hat, erkennt alles sofort wieder. Einige finden das etwas langweilig und meinen, dass die Menuführung langsam etwas angestaubt wirke. Ausserdem ist sie manchmal arg verschachtelt. Ich meine: "So what?" Ich spiele ein Fussballspiel nicht, weil die Menus cool aussehen. Und dass alles noch da ist, wo ich es auch in den letzten Versionen gefunden habe, ist ein Vorteil, nicht ein Nachteil.
- Hach, die deutschen Live-Kommentare. Die zwei Herren gehen mir mächtig auf den Sack, nicht nur, weil sie immer noch sehr viele Fehler machen (z.B. von einem Einwurf labern, wenn es Ecke gibt). Sondern vielmehr, weil sie einfach die absolut widerlichsten Gemeinplätze absondern, die man von Sportreportern hören kann. Noch schlimmer: Wenn ich die Spiel-Sprache zu Beginn (warum nur zu Beginn, warum nicht im Einstellungs-Menu??) auf Englisch umstelle, sind zwar alle geschriebenen Texte in Englisch, die Kommentatoren bleiben aber Deutsch. Das ist sogar so, wenn ich die System-Sprache der Playstation auf Englisch umstelle. In meiner Version scheinen wirklich nur deutsche Sprecher verfügbar zu sein, was mir weh tut im Hirn. Bleibt mir nur still schalten. Glücklicherweise kann man im Hauptmenu (VOR dem Spiel, es geht nicht während eines laufenden Spiels) in den Audio-Einstellungen die Kommentarsprache umstellen, unabhängig von Text und Systemeinstellung. Als Freund der Fussballkunst auf der Insel empfehle ich Englisch.
- Ich habe keinen Seite-an-Seite-Vergleich mit FIFA 09 gemacht, aber verglichen mit der Erinnerung wirkt FIFA 10 grafisch sehr ähnlich. Nicht nur die Darstellung im Spiel, auch die Spieler-Modelle aus der Nähe wirken ähnlich grobschlächtig wie letztes Jahr. Und wie immer sind die sehr berühmten Spieler (Wayne Rooney, Drogba, Messi etc.) erkennbar (sogar in klein aus der Vogelperspektive) - bei den unbekannteren Spielern in Ligen wie der unseren gibt es immer noch zum Teil eklatante Fehler. Heinz Barmettler vom FCZ sieht zum Beispiel verdächtig wie Alain Nef aus.
- Uralte Fussballspiel-Probleme sind nach wie vor da: Drückt man zu früh auf die Pass-Taste, spielt der Spieler einen Pass, auch wenn sich die Situation in der Zwischenzeit komplett verändert hat; das Spiel wechselt zu oft den kontrollierten Spieler auf einen, der in der Situation gerade wenig Sinn macht; in vielen Spielen tauchen Muster auf, die sich häufig wiederholen (immer der gleiche Angriff, immer die gleichen Laufwege) - allerdings deutlich weniger auffällig, dank der neuen Ballphysik- und Zweikampf-Systeme.
Das ist aber alles wirklich nur Kleinkram. Es ist schon fast etwas langweilig, aber zu FIFA muss man in den letzten Jahren immer das gleiche sagen: "Das beste Fussballspiel, besser als letztes Jahr, wer die Vorjahresversion hat, stirbt nicht, wenn er die neue nicht kauft, hätte mit der aber deutlich mehr Spass." Für FIFA 10 gilt: Dito.
Abschnitt zum deutschen Spielkommentar geändert, den ursprünglichen Text durchgestrichen.