Das Ende der Anonymität
"vernetzte" grüsse rösli k.
Und, ist es naiv zu sagen, dass die Anonymität an den Orten, an denen sie nötig ist (Wikileaks etc...), ja problemlos gewahrt werden kann?
Liebe Grüsse
Karin Lombardi
meistens wird der schaden erst bemerkt,
wenn es zu spät ist. oder gar nicht.
ein personalchef z.b. kennt sicher
http://www.yasni.ch
(eine suchmaschine um menschen zu finden)
da kommt schon mal eine menge raus ;-)
ich surfe immer anonym, benutze nie meine
realen daten im netz, habe sowieso eine dataphobie.
ich versuche, so viele logs von meinem leben
für mich zu behalten. besitze keine supercard,
cumuluscard, creditcard, etc.
bezahle meine rechnungen in der post mit
echten scheinen...
sonst wird man ja schon genug überwacht und aufgezeichnet.
handy, festnetz, internet... und seit ich swisscom tv habe,
wissen die auch, wie lange ich schaue, was, wie häufig...
das reicht.
auf facebook habe ich aber trotzdem innert
kürzester zeit alle leute von früher und heute
gefunden oder sie mich. auch mit pseudonym...
Druck auf die Anonymität kommt ausserdem nicht nur aus pragmatischen oder sozialen Gründen, sondern auch von staatlicher Seite. Und zwar immer dann, wenn Behörden feststellen, dass ihnen Anonymität im Strafvollzug Probleme bereitet. Hier bin ich der Meinung, dass man sehr vorsichtig sein muss, welche Probleme man mit welchen Mitteln zu lösen versucht, und welche Nebenwirkungen man sich damit einhandelt (siehe Netzsperren-Diskussion in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien).
Wer bei einem normalen Internet-Provider ist und über kein technisches Know-How verfügt, muss sich damit abfinden, dass praktisch keine Bewegung auf dem Internet wirklich anonym ist. Überall wird protokolliert, kopiert und aufbewahrt. Emails, Surf-History etc. sind abrufbar; die Frage ist nur, von wem.
Der Unterschied zum Sexclub ist der: Nur eine Handvoll Leute werden später bezeugen können, dass man da war. Im Internet hingegen ist das Speichern von Zugriffen der Standard. Es geht also nur darum, ob jemand über die Mittel verfügt (seien die nun legal oder illegal), auf diese gespeicherten Daten zuzugreifen.
Die Frage ist also nicht, ob uns jemand gesehen hat. Sondern nur, ob jemand nach uns sucht.
Ich finde aber umgekehrt nicht, dass das ein Grund ist, paranoid zu werden. Aus zwei Gründen: Je mehr Daten wir produzieren, desto schwieriger wird es, diese Daten zusammenzusetzen. Wir verstecken uns in der schieren Masse. Genau diese Erfahrung machen z.B. die amerikanischen Behörden, wenn sie massenweise Daten sammeln und dennoch Terror-Anzeichen übersehen.
Und dann ist das mit dem Datenschutz und der Privatsphäre eben immer ein Handel: Wenn ich etwas bekomme, das mir etwas wert ist, dann gebe ich evtl. auch meine Daten her. Es gibt hier keine absoluten, für alle gültigen Grenzen, die Problematik liegt in der Kontrolle. Ich habe mich hier näher damit befasst: Das Datenschutz-Pflichtenheft.
Die Sexclub-Geschichte ist ja mehr ein Privacy-Ding. Da sind die Nutzer gefragt, sie müssen kontrollieren, welche Daten sie preis geben und wissen, dass diese auch noch nach Jahren auffindbar sein können. Damit kann man sich entweder abfinden, oder sie einfach gar nicht posten. Was ich mit meinem Comment meinte, ist: Wir posten auf Facebook unsere Aktivitäten. Automatisch überlegen wir: Wem zeig ich das? Ist es ok, dass meine Arbeitskollegen wissen, dass ich auf der und der Party war, dass ich mich für diese oder jene Dinge interessiere? Und ist es auch ok, dass meine Familie das weiss? Ich behaupte, je länger je mehr, beantwortet man die Frage mit: Ja, das ist ok, dass sie auch diesen Teil von mir kennen und ist weniger restriktiv (in seinem Facebook-Freundeskreis). Das passiert aber alles unter der Voraussetzung, dass die Daten innerhalb von Facebook bleiben. Ist also nur ein Aspekt, aber einen, den ich interessant finde.
Aber, natürlich, eine Gefahr besteht, dass sie nicht innerhalb des Netzwerks bleiben - das ist ein anderes Problem.
Diese Stossrichtung lässt sich wohl nicht mehr umkehren.
Man könnte das sogar noch weiterdrehen. Die Neurowissenschaften machen aktuell grosse Fortschritte, seit kurzem können Hirnströme in Echtzeit recht genau gemessen werden. Man kann nun diese technische Entwicklung extrapolieren und sich ausmahlen, dass es in nicht allzu ferner Zukunft Geräte gibt, die "Gedanken lesen" können. Dann fällt die letzte Bastion der Privatheit: nicht unsere Äusserungen, sondern direkt die Gedanken. Und dann stellen sich die richtig harten Fragen, dagegen ist das peinliche Foto auf Facebook recht lächerlich.
Mehr dazu in dieser Ausgabe von BBC4's Analysis: "Minds of Our Own?"
Ich persönlich montiere auf Facebook niemals Sachen, die auch nicht auch auf einer ganz öffentlichen Seite preisgeben würde. So stark vertraue ich dem Mark nämlich nicht.
Aber zurück zum Thema. Sind wir Ohne-Internet-Aufgewachsenen die letzten, die sich wieder mehr nach dem Persönlichen sehnen?
Und: Wo ist das Return on Investment, wenn man die eine oder andere Stunde in Facebook u.ä. verbringt? "Jetzt bin ich kontakt-gesättigt für heute, Ich geh dann mal Einkaufen". Gibt es diesen Moment? Grundlos loggt man sich ja nicht ein, irgendwas erwartet man dann doch, das einem in der Face-to-Face-Welt fehlt, oder wie?
Facebook ist ja aber auch nicht nur «miteinander reden». Auf Facebook kann man auch:
- sich unterhalten lassen mit lustigen Status-Updates, selbst Sprüche klopfen, Videos angucken, die Freunde gepostet haben oder witzige Links anklicken und Fotos teilen.
- sich informieren mit Artikeln, die Freunde gepostet haben, oder schauen, wer heute abend wo hin geht, was es ist und ob es etwas für mich ist. Oder sich einfach darüber informieren, was seine Freunde gerade bewegt, was sie tun und mitteilen, was man selbst tut oder was einen selbst grade bewegt.
Das haben wir alles früher schon gemacht, daheim am Computer, per Telefon, per Zeitung. Und wir machen es immer noch, nur nicht gleich oft wie früher. Ich schaue zum Beispiel praktisch nicht mehr fern, das habe ich früher gemacht, ich telefoniere massiv weniger und schreibe weniger eMails und kaum mehr SMS.
Facebook hat aber mit dem ursprünglichen Thema, mit der Anonymität nur noch wenig zu tun. Auf Facebook wurden wir nur erstmals darauf hingewiesen, dass wir uns doch bitteschön mit unserem echten Namen anmelden sollen und nicht mit irgendeinem Pseudonym. Das in meinen Augen nur positive Auswirkungen. Ich vertraue einem, der seinen richtigen Namen nicht sagt, einfach weniger, als einem, der seinen richtigen Namen sagt und sein Gesicht zeigt. Du sagst ja hier auch, dass du Rösli Kübler bist und der Ramon nennt sich (wohl) auch beim richtigen Namen. Ich glaube, wenn wir die Uhr zehn Jahre zurückdrehen und wir hier drin diskutiert hätten, wären unsere Namen andere gewesen (meiner zum Beispiel tschaja_84) - oder so.
Das ist wiederum sehr nahe an dem ganzen Anonymitäts-Thema, denn warum fühlt(e) man sich hinter dem Pseudonym versteckt sicherer auf dem Netz? Klar offenbare ich hier nicht meine ganze Seelenlandschaft, aber vielleicht will ich doch nicht, dass jeder Kommentar und jedes Blog-Posting mit mir in Verbindung gebracht wird. Vielleicht habe ich ja irgendwo einen wichtigen Posten und es wäre Karriere-Selbstmord, nicht anonym erscheinen zu können.
Ich verstehe das Bedürfnis und echte Gründe für Anonymität also durchaus. Aber richtig, ich poste unter Realname, und das galt lange Jahre (2001 - 2007?) als ziemlich krass ;) Facebook hat das wohl geändert.
Aber ich behalte mir das Recht vor, meine Meinung zu ändern, wenn ich über irgendwas eines besseren belehrt werde :) Dann stimmen natürlich irgendwelche alten Postings kaum mehr.
Dann habe ich gemerkt, dass ich mich dazu nicht kurz fassen kann.
Deshalb ausführlich hier: The Return of das Ende der Anonymität