von
Guido Berger
- 09.06.2010, 12:44 Uhr
Moderne Autorennfahrer sind die Buchhalter des Sports - sie fahren präzise auf der identischen Linie im Kreis herum und feilen an Hundertstelsekunden. Je realitätsnaher Auto-Games werden, desto weniger Spass machen sie. Und so sind den Racing-Games ziemlich die Ideen ausgegangen - das Genre modert vor sich hin. Die Simulationsfans trösten sich mit Forza Motorsport 3 über die Wartezeit auf Gran Turismo 5 hinweg. Wem aber Geschwindigkeit und Action wichtiger ist als die Abstimmung des Frontstabilisators, hat seit Burnout Paradise vor zweieinhalb Jahren wenig wirklich atemberaubendes gesehen.
Aber halt! Da gibt es ein Rennspiel, das zwar uralt ist, sich aber nach wie vor verkauft wie warme Semmeln: Mario Kart. In der Schweiz belegt die Version für die Wii (erschienen vor 2 Jahren) Platz 7 der meist verkauften Games des ersten Quartals 2010. Und die Version für die DS schafft es immer noch auf Platz 29, obwohl das Spiel schon vor viereinhalb Jahren erschienen ist. Wenn ein Rennspiel Spass machen soll, muss man offenbar Schildkröten nach vorn und Bananen nach hinten werfen können.
Das hat sich Bizarre Creations zu Herzen genommen. Das Studio ist für die Serie Project Gotham Racing verantwortlich und war damit bisher eher im Bereich Simulation anzusiedeln. Und nun nähen sie ein Frankenstein-Monster zusammen. Sie graben die Autos von PGR, das Streetracing-Setting von Need for Speed und die Power Ups von Mario Kart aus, setzen sie unter Strom und es lebt! Im Gegensatz zum Monster hat das Spiel einen Namen: Blur.
Keine Fantasieautos wie in Burnout, sondern die üblichen Streetracer-Verdächtigen (z.B. Mustang, Challenger und Viper, TT, Scirocco und M3, Exige, 350Z und GT-R, und Pocket Rockets wie einen Renn-Megane oder den Ford Focus RS). Und keine Bananen oder Schildkröten wie bei Mario, sondern Blitz, Feuerball, Druckwelle, Schild und Geschwindigkeits-Boost.
Und es ist halt so - es gibt kein geileres Gefühl, als sich auf Platz zwei liegend in der letzten Kurve hinter dem führenden Auto zu platzieren, den zuvor strategisch aufgesparten purpurroten Feuerball abzufeuern und unter der explodieren Karosse hindurch als Erster über die Ziellinie zu rasen.
Umgekehrt fliegt gerne mal ein Kontroller durch den Raum, wenn man selber in Führung lag und Opfer einer Blitzattacke wurde. Und deshalb war ich äusserst skeptisch, dass Blur funktionieren kann: Je realitätsnaher das Verhalten der Autos, desto wichtiger wird die gute Rennlinie. Und je präziser man durch die Rundkurse manövrieren muss, desto unfairer fühlen sich die Power Ups an, weil sie aus dem Nichts gutes Fahren zunichte machen können.
Das ist also eine Frage der Balance - und die trifft Blur zu meiner grossen Überraschung exakt. Ich hatte einen Heidenspass mit diesem Spiel. Zunächst war es mir etwas zu langsam - wenn es darum geht, wie tief man eine Unterhose in die dunkle Spalte ziehen kann, ist Burnout immer noch ungeschlagen. Doch nach ein paar Rennen beginnt Blur mächtig aufzudrehen.
Nicht nur, weil auch sich auch im Einzelspielermodus zwanzig Autos auf der Strecke austoben und einem die Wracks im Pulk nur so um die Ohren fliegen. Sondern auch, weil Blur das eigentliche Ziel eines Rennens ständig durch Nebenaufgaben ergänzt. Es gibt reine Rennen (erreiche das Ziel als Erster), Checkpoint-Rennen (fahre innerhalb eines Zeitlimits durch möglichst viele Checkpoints) und Zerstörung (schiesse innerhalb eines Zeitlimits möglichst viele Gegner ab, à la Takedown in Burnout). Dazu kann man aber auf vielen Strecken Fan-Sprints und Fan-Aufgaben erledigen. Ein Fan-Sprint öffnet einige gelbe Leucht-Tore auf der Strecke, die man für Zusatzpunkte durchfahren muss. Und Fan-Aufgaben verlangen spektakuläre Aktionen im Rennen, z.B. innerhalb zehn Sekunden ein gegnerisches Auto mit Nitro von der Strecke zu rammen.
Diese Aufgaben sind fakultativ, man löst sie aus, indem man über ein bestimmtes Symbol fährt. Das ergibt eine wunderbare zusätzliche Ebene im Rennen. Ich muss nicht nur meine Rennlinie und die Gegner im Auge haben, die richtigen Power Ups einsammeln und im richtigen Moment zünden, sondern ich halte auch noch Ausschau nach den Symbolen, die mir es ermöglichen, zusätzliche Punkte zu sammeln. Es geht nicht nur darum, die Ziellinie als Erster zu überqueren; sondern auch, im Rennen möglichst viel Action zu veranstalten. Gewinnen UND schön spielen.
Einige Kleinigkeiten nerven: Etwas kürzere Ladezeiten vor einem Rennen wären angenehm gewesen. Seltsam, schon PGR4 hatte grauenhaft lange Ladezeiten. So schlimm ist es in Blur zwar nicht, aber irgendwie starrt man bei Bizarre Creations gerne auf Ladebildschirme. Ich konnte gestern abend ausserdem aus irgendeinem Grund keine Verbindung zu den Blur-Servern herstellen (um Ranglisten hochzuladen), ein Umstand, auf den mich das Spiel nach jedem einzelnen Rennen per Popup aufmerksam machen musste. Die gleiche Meldung zweitausend Mal wegzuklicken, fühlt sich etwas stumpfsinnig an. Das uninspirierte Golf-GTI-Techno-Genudel stellt man besser ab. Und gegen Ende des Karrieremodus macht der Schwierigkeitsgrad ein paar etwas gar übermütige Sprünge.
Jedenfalls ist es manchmal richtig schön, keine hohen Erwartungen zu haben. Ich war mir sicher, einen Verriss schreiben zu müssen. Doch Blur hat mich überrascht: Die Mario-Kart-Mechanik funktioniert zuverlässig. Feuer, Blitz und Gravitationswellen sind ebenso knackig anzusehen wie die knalligen Neonfarben der Power Ups. Und das im Genre übliche Freischalten (Fans sammeln für neue Autos, Rennen gewinnen, um weitere freizuschalten) ist angenehm aufgeteilt, man erhält regelmässig Belohnungen, die sich auch als solche anfühlen.
Wie ihr bestimmt schon gemerkt habt, ist
Burnout meine Referenz für solche Spiele - und diese Marke erreicht Blur nicht. Das ist aber ein hoher Massstab. Das audiovisuelle Gesamtkunstwerk, das
Burnout abfeuert, wenn man einen Gegner sauber in einen Brückenpfeiler manövriert hat, ist unerreicht. Blur überzeugt mich trotzdem, weil es die Mario-Kart-Mechanik erfolgreich in eine hyperreale
Erwachsenenwelt transponiert. Und während Mario und Peach in ihren Kinder-Karts gemächlich durch den
Blumenpark der Insel Mainau tuckern, rasen wir in Blur im Sonnenuntergang durch LA, Brighton oder Barcelona, üben den unaufhaltsamen Powerdrift und
vergrössern den Auspuff des Autos vor uns mit dem Zorn von Feuer und Blitz.
Blur gibt es für die Xbox360 und die Playstation 3. Es ist nach PEGI ab 7. Das Haikiew ist hier.