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Die Gretchenfrage: Spielst du Games zu Ende?

Ich spiele Games fast nie zu Ende.

Trotzdem schreibe und rede ich als Kritiker über Spiele. Ich bewerte und beschreibe - zwar immer subjektiv - etwas, das ich nicht vollständig gesehen habe.

Für einen Filmkritiker ist das undenkbar. Wer das Kino nach einer halben Stunde verlässt, braucht sehr spezielle Gründe, um über den Film noch Aussagen machen zu dürfen. Es ist die absolute Ausnahme, nicht die Norm. Und es wird wahrscheinlich zum Hauptthema der Kritik, ist nicht etwas, das man nicht erwähnt.

Bei einer Game-Kritik gehen wohl die meisten Leserinnen und Zuhörer vom gleichen Grundprinzip aus. Man erwartet: Wer sich zum Spiel äussert, hat es komplett durchgespielt - die Geschichte alleine bis zum Ende mitverfolgt, die Mehrspieler-Optionen ausprobiert, den Level Editor benutzt und die verschiedenen Klassen oder Schwierigkeiten verglichen haben.

Die Wahrheit ist: Für die meisten von uns Kritikern ist das unmöglich.

Ich bespreche ein Spiel pro Woche. "Besprechen" heisst: Ein Text hier auf dem Blog, ein bis zwei ca. drei Minuten lange Gespräche je auf DRS 3 und auf Virus. In einem durchschnittlichen Konsolen- oder PC-Spiel dauert die Geschichte zwischen 10 und 20 Stunden. Eine andere Klasse oder einen anderen Schwierigkeitsgrad auszuprobieren sind schnell noch einmal 3 Stunden. In den Multiplayer-Modus reinschauen kann man zwar schnell, wird dann aber kein Gefühl für Balance und Spielrhythmus haben, ohne nicht mindestens einige weitere Abende einzusetzen. Und allenfalls vorhandene Level-Editoren muss man erst mal bedienen lernen. So kommt man auf 30 Stunden, rund 4 Arbeitstage. Und der Beitrag ist noch nicht geschrieben.

Man kann von einem Massenmedium schlicht nicht erwarten, soviel Arbeitszeit für 15 Sendeminuten oder 30 Zeilen zu investieren. Ausserdem beschäftige ich mich in einer Arbeitswoche noch mit diversen anderen IT-Themen, die alle auch sauber recherchiert werden wollen. Die meiste Zeit, die ich in ein Spiel stecke, ist deshalb Freizeit. Anders wären die Game-Tipps schlicht nicht möglich.

Ich weiss, dass ich damit nicht alleine bin. Wenn ich mit Kollegen spreche, die auch für Massenmedien arbeiten, klingt es da genau gleich. Niemand berichtet ausschliesslich über Games, alle spielen vor allem in der Freizeit, und niemand spielt Games zu Ende.

Die Situation in den Fachmedien kenne ich zu wenig, der Anspruch dort ist jedenfalls klar: immer durchspielen. Ob dem immer gerecht wird, wage ich zumindest zu bezweifeln. Viele der Online-Medien arbeiten mit freien Journalisten, die pro Artikel pauschal bezahlt werden. Das rechnet sich in Arbeitsstunden niemals. Dass einige ein Review abliefern, ohne 30 Stunden investiert zu haben, halte ich für plausibel; insbesondere, wenn das Spiel nicht gerade sehnsüchtig erwartet wurde oder man davon ausgehen muss, dass es keine Klicks auf die Website treibt.

Ich kann zu dieser Praxis stehen und mich trotzdem im Spiegel ansehen. Weil ich der Meinung bin, dass ich die Spielmechanik, das Grundgefühl und die Qualität der Figuren oder der Erzählweise auch beurteilen kann, wenn ich nicht bis zum Ende gespielt habe. Wenn ich etwas nicht gesehen habe, rede ich nicht darüber. Ich begründe jede Wertung mit nachvollziehbaren Argumenten und versuche, den persönlichen Eindruck in den Vordergrund zu rücken, das Erlebnis zu beschreiben, dass ich hatte. Ich lese ausserdem, was andere zum Spiel gesagt haben, berücksichtige sozusagen die Sekundärliteratur.

Diese Praxis entspricht der Spielrealität der meisten Gamer: Nur eine Minderheit spielt Games zu Ende, was die Spielhersteller ebenfalls wissen. Und schliesslich unterscheidet sich das Medium Games von dem des Films, indem Spiele entweder gar kein klares Ende haben oder dass die Geschichte im Sinne von Plot nur eine untergeordnete Rolle spielt, dass Figuren, Stimmung und Gameplay viel wichtiger sind.

Ändern kann ich diese Rahmenbedingungen nicht, aber transparent machen. Ich bin überzeugt, dass es viele in der Branche gleich halten wie ich; dass kaum darüber geredet wird, finde ich stossend. Zwar nachvollziehbar, weil es um die Glaubwürdigkeit als Kritiker geht. Wenn wir aber wissen, dass unser Publikum davon ausgeht, dass wir das ganze Spiel gespielt haben, dann verlangt genau diese Glaubwürdigkeit, dass wir sagen, wenn dem nicht so ist.

Damit ist die Diskussion eröffnet: Ist ein Game-Review für euch auch glaubwürdig, wenn die Reviewer das Spiel nicht zu Ende gespielt haben? Wie detailliert wollt ihr wissen, was man gespielt hat? Wann kann man überhaupt davon sprechen, ein Spiel "komplett durchgespielt" zu haben?

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Games-Journalismus am Stammtisch: Hilary Goldstein über Grand Theft Auto

Ich beobachte Hilary Goldstein von IGN, immerhin Scheff der Xbox-Abteilung, schon länger; zur neuen Grand Theft Auto IV Erweiterung, The Ballad of Gay Tony, hat er nun ein dermassen bescheuertes Video Review abgeliefert, dass ich nicht länger nobel schweigen kann.

Goldstein schafft es, in einem einzigen Screenshot aus dem Video alles zu verdichten, was im Games-Journalismus falsch ist. Siehe:

Aus dem IGN Video Review von GTA: The Ballad of Gay Tony

"More outlandish": Das ist Kanon und die Standard-Aussage aller Kritiker zu The Ballad of Gay Tony. Es sei wieder mehr wie GTA: San Andreas, Action-orientiert, übertrieben, im Gegensatz zur etwas ernsthafteren Grundstimmung von GTA IV. Nicht sehr originell, aber wahr und damit noch kein Grund zur Aufregung.

"Fun characters": Gibt es in jedem GTA. Aber natürlich immer noch wahr und ein Grund, warum GTA-Spiele so gut sind. Trotzdem beginnt die völlige Absenz origineller Gedanken langsam zu schmerzen. 

"More to do": Wow. So tief hat wohl noch nie jemand eine Schwelle angesetzt für ein Videospiel.

"Tank is lame": Ein Hauptkritikpunkt für Goldstein. Weil man im Spiel keinen "richtigen" Panzer fahren kann, sondern "nur" einen NOOSE, ein gepanzertes Polizei-Truppentransport-Fahrzeug. Dessen Geschütz könne zwar Autos beschädigen, aber nicht gleich zur Explosion bringen. Diese Kritik ist atemberaubend pubertär, und zwar nicht die gute Art pubertär (die ich eigentlich schätze an der Games-Industrie und z.B. anlässlich von MadWorld gelobt habe), sondern die böse.

Im geschriebenen Review ist Goldstein etwas ausführlicher und bezüglich Geschichte und Gameplay auch differenzierter. Er kann aber trotzdem nicht widerstehen, Sätze wie diesen zu schreiben: "[I]t's not the kind of slick tank that's going to help you pick up chicks."

Ich glaube nicht, dass Goldstein (der übrigens 34 ist) tatsächlich glaubt, dass ein Panzer bei der Anmache hilft. Aber er glaubt offenbar, dass dieser üble Mouthbreather-Spruch ("Chicks!" - "Yeah, Bro!!" - "Chestbump!") bei seinem Publikum ankommt. Sogar wenn er damit ein bisschen Recht haben sollte (wir wissen alle, dass es die homophoben, rassistischen, frauenfeindlichen Gamer gibt), ist es trotzdem widerlich, auf den Geschmack solcher Leser abzuzielen. 

Nicht viel besser war übrigens auch Goldsteins Review der letzten GTA-Erweiterung, The Lost and Damned, das er mit dem Lead "Less Niko, more dong. 'Nuff said." überschreiben musste. Enough said, indeed.

Und zum Schluss halte ich von einer Bewertung in Prozent ohnehin nichts. Weil es schlicht absurd ist, sich Gedanken darüber zu machen, ob The Ballad of Gay Tony tatsächlich 0.2 Punkte besser ist als The Lost and Damned.

So ist also Goldsteins Games-Journalismus: Unoriginell, frauenfeindlich, auf unsinnige Zahlen fixiert, ein verschwitztes High Five in der Macho-Garderobe bei jeder Explosion und Stammtisch-Sprüche aus der untersten Schublade. So kommen wir nie aus der Schmuddelkultur-Ecke raus.

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Heavy Rain zu deprimierend?

Ich habe an dieser Stelle bereits über Heavy Rain berichtet und an der Gamescom in Köln den Executive Producer Guillaume de Fondaumière interviewt. In Köln wurde die Spielfigur Ethan Mars vorgestellt, ein Familienvater, der seinen einen Sohn verliert (möglicherweise an den Serienmörder, den Origami-Killer, um den sich die Geschichte von Heavy Rain dreht) und sich um die Beziehung zu seinem zweiten Sohn bemüht.

Nun äussert sich auch John Funk vom Escapist zu Heavy Rain und der Figur Ethan Mars. Er findet Heavy Rain total deprimierend:

"[T]here's still one question in my mind: Will it be any fun to play? [...] Everybody has real-life problems of their own: Why do they want to have to deal with the problems of a fictional character in a game? [...I]t would be a shame for a title with so much work going into it to ultimately end up as something that appeals only to a very small niche."

Heavy Rain Gameplay Demo is Really Depressing (The Escapist)

Das ist eine grenzenlos dumme Aussage, die mich masslos ärgert. Weil genau diese Engstirnigkeit das Medium Games zurückhält, und weil genau diese Denkweise so sehr dem Klischee derer entspricht, die Games für einen minderwertigen Auswuchs der Populärkultur halten.

In jeder anderen Kunstform ist es sehr wohl möglich, sich mit den Problemen fiktionaler Charaktere auseinander zu setzen. Nicht nur möglich, es ist erfolgreich - sowohl im Markt als bei den Kritikern. Es gibt schlicht keinen Grund, warum Games auf reine Unterhaltung beschränkt werden sollten.

Wollte Funk damit nur eine Befürchtung äussern, dass das Game-Publikum noch nicht für solche Themen bereit ist, dann wäre die Aussage anmassend und leicht mit der thematischen Vielfalt zu widerlegen, die sich in den letzten Jahren herausgebildet hat.

Ist Funk stattdessen tatsächlich so engstirnig, dass er in Games lediglich den Inhalt eines Sommer-Blockbusters sehen will, dann repräsentiert er The Escapist schlecht; eine Website, die von sich selber sagt, "the contemporary video gaming lifestyle and the diverse global video game culture by way of in-depth features, thought provoking articles and relevant columns" feiern zu wollen, ein Anspruch, an dem Funk hier auf spektakuläre Weise scheitert.

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Frank A. Meyer hat genug vom Internet

Klar! Dieses Internet hat sich hinter dem Rücken von FAM nämlich ganz hinterhältig verhalten. 

Foto: RDB/Sobli; bearbeitet

Das Internet ist an der Finanzkrise schuld: "[G]esetzliche Regeln oder gar Schranken für den Internet-getriebenen Finanzkapitalismus [gab es] nicht."

Das Internet meuchelt die Kunst: "Der Gesetzlosigkeit im World Wide Web fällt gegenwärtig gerade die Kulturindustrie zum Opfer. [... D]ie Künstler werden um ihre Einnahmen gebracht – und so um ihre ­materielle Existenz."

Und das alles noch bewusst, Blogger formulieren "die vulgäre Ideologie". Und jetzt hat Herr Meyer genug: "Dem faulen Zauber ist rasch ein Ende zu bereiten."

Herr Meyer ist muff, weil im Internet "die bürgerliche Rechtsordnung" nicht gelte. Er erzählt willfährig die Legende vom "Rechtsfreien Raum Internet" weiter und ignoriert, dass gegen Piraten auf der ganzen Welt Prozesse geführt und gewonnen werden. Und regt sich v.a. über Piratenpolitiker und Blogger auf, die der Meinung sind, dass man die bestehende Rechtsordnung evtl. anpassen müsste. Dabei wirft er alles schön in einen Topf:

"Der Raubtier-Kapitalismus greift sich neue Opfer. Internetfreaks [...], die selber offensichtlich wenig oder gar kein geistiges Eigentum zu schützen haben, verkünden unter dem romantischen Signet der Piratenflagge die Umwertung der bisher gültigen Werte.

Für Herr Meyer ist klar: Ein digitales Stück Musik, eine digitale Kopie eines Buches muss Geld kosten. Basta. Das war für Herr Meyer immer so und muss für immer so bleiben. Dass es für Musiker und Schreiber auch andere Wege gibt, viel Geld zu verdienen, klammert er aus. Dass es in der Geld-für-Geist-Frage oft nicht darum geht, die Urheber fair zu entlöhnen, sondern die riesige Verwertungsindustrie darum herum, klammert er aus. Dass der Preis der Herstellung einer digitalen Kopie eines Werkes gegen Null strebt und dass deshalb durchaus die Frage diskutiert werden darf, ob jede einzelne dieser digitalen Kopien auch noch etwas kosten darf, klammert er aus. Dass die schnelle, kostenlose Verbreitung von Information auch gute Seiten haben kann, klammert er aus. Den Umstand, dass die meisten Menschen in ihrem Alltag andauernd gegen Urheberrechtsgesetze verstossen und die Frage, ob man die nun alle kriminalisieren soll, klammert er aus.

Das sind halt furchtbar komplexe Fragen, das passt nicht alles in eine SoBli-Kolumne, die offenbar mehr dem Dampfablassen des Autors als der Meinungsbildung der Leser dient.

All diese Fragen werden nun in der "Online-Gemeinde" in ihren "Foren" seit Jahren diskutiert, oft auch intelligent und differenziert (ja, Herr Meyer, das geht im Internet!). Auf die Argumente eingehen muss Herr Meyer aber nicht. Er fasst den aktuellen Forschungsstand so zusammen:

"Die Online-Gemeinde sieht das anders: Sie beruft sich auf die Modernität ihres Spielmediums, auf ihre Jugend, auf die grosse Freiheit im Netz, auf Entgrenzung, auf virtuelle Anarchie, auf Revolution. Wer dagegen etwas einwendet, den bürstet sie ab."

Wer bürstet hier wen ab? Herr Meyer, es sind nicht die Blogger, die Revolution machen. Es ist die Informationstechnologie, die unsere Lebensumstände verändert. Wir erleben Umwälzungen in der Grössenordnung der industriellen Revolution. Es ist nichts als wahrscheinlich, dass sich auch die Rechtsordnung verändern, an neue Gegebenheiten anpassen wird.

"Der bürgerliche Rechtsstaat hat sich gegenüber Dieben und anderen Rechtsbrechern mit keinem Wort zu rechtfertigen."

Nein, muss er nicht, aber die Aufgabe der Politik ist es, über bestehende Gesetze und bestehende Lebensrealitäten nachzudenken, und evtl. Gesetze anzupassen. Das hat nichts zu tun mit Revolution, sondern ist der normale politischen Prozess. Und wenn Piraten Parteien gründen, Herr Meyer, dann nehmen sie aktiv an diesem Prozess teil, was einer Revolution nicht ferner sein könnte.

Ihre Kolumne habe ich übrigens online gelesen, gratis auf der Website blick.ch. Sie hätten es wohl lieber gesehen, wenn ich einen SoBli aus Papier gekauft hätte; ich bin aber sicher, dass Sie es auch mögen, wenn ihre Texte von möglichst vielen gelesen werden. Was ich jetzt gerne noch gewusst hätte: Worin unterscheidet sich Ihre Kolumne von den von Ihnen offenbar so verachteten Bloggern? Anständiges journalistisches Handwerk ist es wohl nicht.

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Top Gear und das Ende: Ein Lehrstück

Wie ihr wisst, bin ich ein Fan der BBC-Sendung Top Gear. Am Wochenende wurde die letzte Sendung der aktuellen Staffel gesendet (S13E07), gestern kam ich dazu, sie mir anzusehen. Und der letzte Beitrag dieser letzten Sendung ist eine journalistische Meisterleistung.

Jeremy Clarkson testet einen Aston Martin Vantage V12. Also der kleinste der Aston Martins, aber mit einem grossen Motor. In einem normalen Beitrag hätte man viel über PS und Drehmoment gehört, über die tolle Verarbeitung, das wunderschöne Design innen und aussen, wie er in den Kurven liegt, wie er sich fährt im Vergleich zu den grossen Brüdern usw. usf.

Clarkson wählt einen anderen Weg. Die ersten 40 Sekunden (eine halbe Ewigkeit im TV) sehen wir sehr schöne Landschaften und den Aston darin, dazu nichts ausser sphärischer Musik von Brian Eno und das Röhren des Motors. Dann platziert Clarkson den ersten Satz:

"Well, it's an Aston Martin Vantage with a V12 engine. So what do you think it's going to be like?"

Dann wieder Stille, schöne Landschaften (das meiste davon in Wales, wo Top Gear immer wieder gerne filmt, man sieht, warum), mehr von Eno und ab und zu ein V12-Röhren. Dann, wie der erste Satz auch, Shot mit der Im-Auto-Cam:

"It is fantastic. It's wonderful, wonderful, wonderful.

Mehr Nordwales, Vogelgezwitscher, V12 im Wald, Rehe springen über die Strasse. Und Clarkson, nun aus dem Off, zündet die erste Rakete:

"What it makes me feel, though, is sad."

Denkpause. Dann der Kern des Beitrags, wieder im Aston:

"I just can't help thinking, that thanks to all sorts of things - the environment, the economy, the problems in the Middle East, the relentless war on speed - cars like this will soon be consigned to the history books."

Wieder eine Pause, und Fotos von Rennwagen, die an einem Zaun hängen und im Wind zittern.

"I just have this horrible, dreadful feeling that what I'm driving here is an ending."

Nach dieser Bombshell donnert der Aston durch die Hügel und Wälder, zwischen weiteren Rennauto-Fotos und zu Brian Eno's "An Ending" und Vogelgezwitscher. Das lässt Clarkson ganze 80 Sekunden (!) stumm wirken. Dann:

"Good night."

Wollblumen. Der Aston beschleunigt an der Kamera vorbei. Credits. Die Staffel ist zu Ende.

Dieser Beitrag krönt eine sonst eher durchzogene Staffel (die Budgetkürzungen waren z.B. in den viel längeren News- und Chat-Teilen sichtbar). Man mag von Clarkson halten was man will, man kann mit ihm einverstanden sein und das mögliche Aussterben der Supercars betrauern oder sich im Gegenteil darüber freuen. Kalt lässt dieser Beitrag aber niemanden, völlig unabhängig davon, ob man sich für Autos interessiert oder nicht. Eine klare Meinung, perfekt auf den Punkt gebracht und maximal emotional umgesetzt.

So emotional, dass sofort Gerüchte die Runde machten, dass sei nicht nur das Ende von V12-Autos und der Season, sonder sogar das Ende der Sendung überhaupt gewesen; was umgehend dementiert wurde.

Die viereinhalb Minuten sind ein Lehrstück. Sich auf eine einzige Geschichte konzentriert und sie mit minimalem Wortaufwand erzählt. Die Stärken des Mediums voll ausgenutzt. Keine Angst vor der klaren Meinung. Und die Konventionen des Genres Autosendung komplett beiseite gewischt. Deshalb ist Top Gear nach wie vor eine Sendung, die man gesehen haben muss. 

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Die Angst des Feuilletonisten vor dem Gezwitscher

Ich frage mich, warum die Feuilletonisten eigentlich solche Angst vor Twitter haben.

Twitter boomt gerade gewaltig - je nach Schätzung zwischen 6 und 8 Millionen Benutzer, eine Zahl, die sich in den letzten zwei Monaten verdoppelt hat. Während die Blogosphere einen weiteren Erfolg eines Web-2.0-Projektes feiert, die Einfachheit der Anwendung lobt oder von den Möglichkeiten schwärmt, zeigen sich die alten Medien einmal mehr verwirrt, verständnislos und teilweise offen feindselig.


Ein Beispiel dieser Ablehnung: die Fragen, die Spiegel Online dem Gründer von Twitter, Evan Williams, stellt:

"Befeuert Twitter Narzissmus und Dummheit?"
"Das meiste, was auf Twitter kursiert, ist belangloses Geschnatter von zweifelhaftem Erkenntniswert."
"Sie [...] haben bislang überhaupt kein funktionierendes Geschäftsmodell [...]. Das kommt vor dem Hintergrund einer kollabierenden Weltwirtschaft schon etwas dekadent daher."
Usw.usf., mehr davon hier: Macht twittern dumm, Herr Williams? (Spiegel Online)

Da gefällt sich jemand aber sehr in der Hard-Hitting-Investigating-Journalist-Pose. Immerhin hat Williams die Gelegenheit zu kontern:

"Es ist mir ein Rätsel, warum von jedem neuen Medium verlangt wird, dass es uns plötzlich in Wesen verwandelt, die nur noch Weisheiten absondern. [...] Außerdem: Wer sagt denn, dass belangloses Geschnatter wertlos ist? Es ist immerhin ein menschliches Grundbedürfnis, die eigenen Gedanken mit anderen zu teilen - und für die sind meine Gedanken gar nicht belanglos, weil ein persönliches Interesse besteht."

Das entlarvt den Feuilletonisten. Er hat den Anspruch, ein grosses Publikum zu erreichen, und rechtfertig das, indem er glaubt, dass jeder von ihm abgesonderte Satz vor Relevanz nur so strotzt. Auf Twitter erreichen einzelne ein vergleichbar grosses Publikum - da muss der Futterneid durchbrechen.

Hach, welche Ironie! Die echten Journalisten halten sich offenbar für etwas besseres - verfehlen es aber gerade in ihren Twitter-Bashings, diesem Anspruch gerecht zu werden. Warum anständig recherchieren, wenn man stattdessen ein, zwei Stunden auf search.twitter.com rumhängen kann und sich die blödesten Meldungen in seinen Moleskine notieren kann? Wenn sich die Eigenheiten und Subtilitäten bis dann noch nicht eröffnet haben, ist natürlich das Medium schuld! 

Klar, sich über ungelenke Posts von Politikern lustig zu machen, das schreibt sich locker-luftig. Über ein neues Medium nachzudenken, fällt offenbar schwer:

"Wenn ich wollte, könnte ich ununterbrochen [...] Menschen, die ich kaum kenne, inhaltsarme Minitexte senden. Ich brauche aber hin und wieder Zeit zum Nachdenken, ich lese auch ganz gerne mal einen längeren Text. Dazu muss ich mich konzentrieren, ich ka nn nicht gleichzeitig simsen.

Das ist richtig, Herr Martenstein, das könnten Sie. Wenn Sie denn wollten, könnten Sie aber durchaus auch nachdenken und gehaltvolle Diskussionen führen auf Twitter, mit Menschen die Sie kennen oder noch kennenlernen. Leider haben Sie sich dafür entschieden, nicht nachzudenken, und das statt an Twitter an Die Zeit zu senden. Dort wird es veröffentlich, weil es so cool ist, wenn sich ein Journalist "gegen den Mainstream stemmt" und über etwas schreibt, worüber alle schreiben und es irgendwie doof findet, weil es alle Kollegen irgendwie doof finden.


Diesen reflexartigen Zuckungen dürfen wir nun offenbar jedes Mal zusehen, wenn sich diese Interwebs wieder etwas neues ausdenken. Blogs, Second Life, Facebook  waren schon dran, jetzt darf Twitter den Kulturpessimismus befeuern.

P.S.
Ich erinnere gerne an die Titanic, die den Second-Life-Medien-Hype vor zwei Jahren so kommentiert hat:
Die zur Recherche verknurrten Journalisten stehen sich gegenseitig auf die Füsse und wundern sich, dass sie nicht verstehen, was da abgeht.

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Der Tages-Anzeiger drückt den grossen roten Panikknopf

Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, als die alten Medien bei jeder Gelegenheit ihre Vorherrschaft reklamiert und abschätzig über Blogs oder Social Media wie Digg berichtet haben. Klar, das sei alles wahnsinnig interessant, aber das seien halt keine richtigen Journalisten und auch keine richtigen Medien.


Nun scheint es, dass immer mehr alte Medien die Methoden der neuen Medien übernehmen, in einem verzweifelten Versuch, ihren Leserzahlen-Erdrutsch zu stoppen.


Persoenlich.com berichtet heute über die neue Ausrichtung des Tages-Anzeigers. Man redet laut persoenlich.com von einem Paradigmenwechsel:

"Die Zeitung soll vom Belehrenden weg und mehr entsprechend dem Leserinteresse entwickelt werden. Dabei will man sich am Newsnetz orientieren. Beim Online-Verbund werden die Leserzahlen für jeden Artikel peinlich genau und in Echtzeit gemessen. Was den Leser nicht mehr interessiert, verschwindet von den prominenten Positionen. Bei der Print-Ausgabe des "Tagi" kann man zwar das Interesse am einzelnen Artikel nicht messen wie beim Newsnetz, trotzdem soll der Wunsch des Lesers noch mehr Befehl sein. Wie interne Quellen erzählen, werde man künftig aufgrund der Klickzahlen entscheiden, welche Themen und Geschichten im "Tagi" aufgemacht werden. [...] Tamedia Verwaltungsratspräsident Pietro Supino soll vom Newsnetz so begeistert sein, dass er sogar einen Web-Seismographen im Büro hängen hat. Auf dem einen Flachbildschirm kann er jederzeit die vom Publikum am meist gelesenen Artikel überblicken, die vom Newsnetz produziert werden."

Also genau das, was Digg schon lange macht - und genau das, worüber bis jetzt die richtigen Journalisten ihre Nasen so stark gerümpft haben, dass das Blut kam.

Mal davon abgesehen, dass es mich milde amüsiert, dass sich der Tagi offenbar als "belehrend" einschätzt: was ist an belehrend denn so schlimm? Ich halte das eigentlich für eine Kernaufgabe einer guten Zeitung. Wozu soll ich die sonst lesen wollen? Damit sie mir sagt, was ich schon weiss?

Ausserdem: Gegen die Gratiszeitungen anzutreten, indem man sich ihnen annähert, ist keine gute Idee. Wenn sich der Tagi am Schluss gleich liest wie das 20min, dann ist letzteres immer noch gratis. Für welches Blatt entscheiden sich die Pendler dann wohl?

Aus diesen Gründen zweifle ich auch etwas daran, dass die internen Informationen, die persoenlich.com da erhalten haben will, wirklich ein vollständiges Bild der Tagi-Strategie zeichnen. Ich gehe davon aus, dass man - wenn das erste "Wow!-Zahlen!"-Flash mal verraucht ist - mit diesen Statistiken macht, was man mit jeder Statistik machen sollte: zur Kenntnis nehmen, nicht mehr und nicht weniger.

Was meint ihr? Geht der Tagi zu weit? Oder bin ich auf dem falschen Dampfer und stehe der Demokratisierung der Schlagzeile im Weg?

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